noch mehr über mich…

Während meines Studiums fiel mir die Defizitorientierung der einzelnen Fachrichtungen unangenehm auf. Die Frage, weshalb Menschen krank werden, wurde mit den unterschiedlichsten theoretischen Erklärungsmodellen angegangen. Wie eine Offenbarung wirkten hier die Seminare von Lothar Laux und Peter Kaimer, die von Ressourcenorientierung, Bewältigungsstrategien und Potentialanalysen sprachen.

Ich begann mich intensiv mit der Bedeutung von Selbstwirksamkeit, Salutogenese, Kontrollerleben, im Gegensatz zur „erlernten Hilflosigkeit“ nach Martin Seligman, zu beschäftigen und habe diese Orientierung nie wieder aufgegeben. Sie erlaubt, Menschen nicht danach zu beurteilen, was sie nicht können, sondern sie zu stärken, Dinge häufiger zu tun, die gelingen.

Die zweite Offenbarung folgte mit den systemischen und konstruktivistischen Ansätzen der Psychologie. Auch hier lag der Fokus auf Lösungen, weniger auf Problemen. Besonders beeindruckt haben mich Steve de Shazers Lösungsorientierte Kurztherapie und die Arbeiten der Mailänder Gruppe um Selvini-Palazzoli, Prata, Cecchin und Boscolo. Insbesondere die Arbeiten von P.Watzlawick, F.J. Varela und H. Maturana sorgten für ein wahres Feuerwerk im Kopf, für einen Paradigmenwechsel meiner bis dahin gepflegten Weltwahrnehmung.

Dass Wahrnehmung hochgradig subjektiv ist, dass Kommunikation im Sinne einer Perturbation wirkt, einer Störung eines an sich geschlossenen Systems, prägte von nun an meine Arbeit. Zugang zur Weltwahrnehmung eines Menschen zu bekommen heißt immer auch, sehr genau zuzuhören, individuelle Wirklichkeitskonstruktionen zu erfassen und mit meiner Arbeit einen Beitrag zu leisten, andere Wirklichkeitskonstruktionen kennenzulernen. Das Bild des Samens, der gelegt wird und manchmal aufgeht, manchmal auch nicht, wurde zum Leitmotiv. Für mich ergibt sich dadurch, dass ich meine Arbeit als Impuls sehe, Handlungsoptionen zu eröffnen, die es dem Einzelnen ermöglichen, nichtfunktionierende Lösungen durch andere Lösungen in einem Prozess von Versuch und Irrtum zu ersetzen.

Während meiner Arbeit auf einer Kinder-Knochenmark-Transplantationsstation, bei der ich Pflegepersonal im besseren Umgang mit dem hier entstehenden Stress trainieren sollte, lernte ich, das systemisch-konstruktivistische Wissen mit Arbeitsteams einzusetzen. Mein Wissen aus der Arbeits- und Organisationspsychologie konnte ich nur in Bezug auf den Umgang mit hierarchischen Strukturen verwerten. Viel wichtiger erschien, die Bewältigungsstrategien des Pflegepersonals zu erweitern, um Ihnen „Strategien statt Burnout“ an die Hand zu geben. Meine derzeit ausgeübte Tätigkeit in einer Organisation mit hervorragendem know – how in berufsbezogenen Fragen, bei gleichzeitig ausgeprägter Jammerkultur, stellt eine tägliche Herausforderung dar. Ich habe gelernt, dass mein grenzenloser Zweckoptimismus nicht nur für mich zur Überlebensstrategie wird, sondern den einen oder anderen ansteckt. Hier wünsche ich mir frei nach Malcolm Gladwells „Tipping Point“, eine soziale Epidemie der Leichtigkeit, der Unbeschwertheit und des konstruktiven Umgangs mit Zukunft.

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