Allgemein Arbeiten 4.0 Resilienz Zukunftsarbeit

Arbeit, Weihnachts – Flow und Hoffnung

Weihnachten2015

fotolia©jpgon

Wir schreiben das Jahr 2015. In einer kleinen schwäbischen Stadt auf der Ostalb laufen die Weihnachtsvorbereitungen auf Hochtouren. Den Menschen in den Geschäften steht die Anspannung ins Gesicht geschrieben. Mir bis vorgestern auch. Ich hatte das Gefühl, dass mir das Lachen eingefroren ist. Dass die Leichtigkeit verschwunden ist. Dass ich dringend mal ausschlafen muss. Und das habe ich jetzt gemacht. Einfach geschlafen.

Und jetzt kann ich mich, mit einer Ahnung von Muße, dem diesjährigen Weihnachtsmenü widmen. Ich habe frei. Und ich mache mir so meine Gedanken, wie ich das nächste Jahr verbringen werde. Ich habe auch schon Pläne, die verrate ich aber noch nicht.

Im vergangenen Jahr habe ich mich viel mit Macht und Ohnmacht in Organisationen beschäftigt, mit Arbeit und deren Veränderung, mit den aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen. Ich spüre, dass es mir nicht gefällt, dass wir einen Teil der Menschen abzuhängen beginnen. Dass wir in vielen Organisationen noch immer mittelalterlich anmutende Führungsstrukturen haben, dass wir es bisher nicht schaffen „demokratische Führung“ zu ermöglichen, dass wir vielleicht auch gerade dabei sind uns ein wenig mehr in Richtung postdemokratische Zeiten zu entwickeln.

Was bei  mir für Weihnachts-Flow und Hoffnung sorgte, war ein kleines Buch:

Ungehorsam, eine Überlebensstrategie. Professionelle Helfer zwischen Realität und Qualität.

This made my day!  Marie-Luise Conen leitet das Context-Institut für systemische Therapie und Beratung in Berlin. Sie hat als Supervisorin, ebenso wie ich auch, tiefen Einblick in die Lebenswelten von professionellen Helfern. Während ich mich in den vergangenen Jahren oft gefragt habe, ob nur ich das wahrnehme, fühle ich mich unglaublich bestärkt durch die Lektüre des genannten Buches. Conen gelingt eine feinfühlige Analyse der Auswirkungen neoliberaler Strömungen und deren Einfluss auf die Arbeit mit Klienten. Es fehle der kritische Diskurs wie dominante Normen in unsere Vorstellungen von Normalität und Abweichung eingebettet seien.

Sie beschreibt dies am Beispiel der Hilfsbedürftigkeit von Menschen. Die Tatsache, dass Menschen hilfsbedürftig sind, wird schon als Normabweichung an sich betrachtet. Die gesellschaftliche Bedingtheit der Hilfsbedürftigkeit werde dabei nicht mehr gesehen. Das entspricht auch meiner Wahrnehmung. Man könnte dies auch auf die aktuelle Situation z.B.  der Flüchtlinge ausweiten. Das diese hier sind, ist unter anderem das Produkt unseres Verhaltens, unserer Profitgier und unseres Handelns mit Waffen. Nur so ermöglichen wir Kriege an anderen Plätzen auf der Welt…

Conen beschreibt überwiegend die Verhältnisse von Sozialarbeitern in der Jugendhilfe, von Pflegern in Altenheimen, von Mitarbeitern in Jobcentern. Sie beschreibt das Ermüdende an dieser Arbeit. Es wird weniger durch den Umgang mit den Klienten ausgelöst, sondern eher durch völlig überzogene Qualitätssicherungsmaßnahmen oder Controllinginstrumente. Wenn ein Sozialarbeiter als Vorgabe hat, alle 15 Minuten aufzuschreiben was er in einer Klientenfamilie gemacht hat, dann fragt man sich mit gesundem Menschenverstand tatsächlich wozu. Und ich glaube, dass alle die momentan in Unternehmen ihre Arbeitsleistung durch KPI’s belegen müssen, ähnliche Erfahrungen wie moderne Sozialarbeiter machen. Es ermüdet. Und es fehlt überall der kritische Diskurs. Es fehlt das Nein.

Wenn ich nun Weihnachts – Flow und Hoffnung entwickle, dann deshalb, weil ich glaube eine Lösung mit Conens Buch gefunden zu haben. Es geht um Vernetzung, um solidarisches Miteinander, um Gewerkschaften, um die Wiederentdeckung von Widerstandsstrategien. Auch hier kommt der Leser auf seine Kosten. Ich verrate nicht zu viel, ich möchte, dass Sie das Buch lesen.

Ich werde mich nun der Weihnachtsente widmen, werde noch ein paar Rezepte lesen, entscheiden ob ich die Niedrigtemperaturmethode oder die klassische Zubereitung wähle und dann werde ich mich in den nächsten Tagen gemeinsam mit der ganzen Familie unter dem Christbaum über neue Formen des Widerstands unterhalten. Und ich bin überzeugt davon, dass wir gemeinsam Ideen entwickeln, wie wir im neuen Jahr Arbeitsbedingungen von Menschen verbessern können. Wie in jedem Jahr bedanke ich mich bei all meinen Klienten für das Vertrauen, dass sie mir entgegengebracht haben. Mein besonderer Dank geht in diesem Jahr an die Mitarbeiter in den Jobcentern und an alle Menschen die im Moment Hartz IV beziehen. Beide leisten jeden Tag echte Herkulesaufgaben, weil sie sich im Spannungsfeld neoliberaler Sozialpolitik befinden. Sie sind für mich im Moment die „Helden der Arbeit“, ob mit oder ohne Job.

UngehorsamUngehorsam – eine Überlebensstrategie. Professionelle Helfer zwischen Realität und Qualität von Marie-Luise Conen, Carl-Auer Verlag

 

 

image_pdfimage_print
  1. Danke für diese inspirierenden Zeilen.
    Da ich auch im sozialen Bereich arbeite, kenne ich diese Wahrnehmungen sehr gut.
    Schöne, bessinliche Festtage!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

%d Bloggern gefällt das: