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In letzter Zeit häufen sich bei mir die Anfragen von Menschen die gerne “Coach werden” möchten. Meist kommen sie durch Empfehlung auf mich zu, um mal eben ihr Projekt mit mir zu besprechen. Es ist dann relativ schnell klar, dass die Vorstellungen mit Blick auf den Zielberuf noch nicht einem Realitätscheck unterworfen wurden. Meine erste Empfehlung an die Interessenten ist meist die Frage: “Wieviel würden Sie denn selbst für eine Beratung investieren?” Coaching wird meist privat bezahlt, da die Coachees oft berufsbezogene Probleme nicht mit ihrer Firma besprechen wollen, bzw. sich von der Firma das Coaching ungern bezahlen lassen. Das bedeutet im Gegenzug, dass nicht jeder mal eben so für 5-10 Stunden 600 €-1000 € für eine Problemklärung ausgeben will. Tut er dies doch, will er natürlich eine qualitativ hochwertige Leistung dafür. Und das heißt: Es wäre gut wenn der Coach eine qualifizierte Ausbildung und entsprechende Erfahrung mitbringt. Ein artverwandtes Studium ist in Deutschland immer noch eine der besten Voraussetzungen um sich als Coach am Markt zu positionieren.

Doch damit nicht genug. Als Coach brauchen Sie Wissen aus den Bereichen Organisationspsychologie, Führungspsychologie, und aus der klinischen Psychologie. Sie haben nämlich, sollten die ersten Klienten kommen, Verantwortung was die Beurteilung klinisch relevanter Störungen angeht. Coaching ist keine Psychotherapie und oft ist es notwendig dass Klienten zuerst therapeutisch an berufsbezogenen Belastungen arbeiten und erst zu einem späteren Zeitpunkt ein Coaching in Anspruch nehmen. Eine Depression zu erkennen setzt fundiertes diagnostisches Wissen voraus.

Die meisten Interessenten an einer Coachingausbildung wollen einmal Führungskräftecoach werden. Befragt nach eigenen Erfahrungen mit Führung sieht es dann jedoch dünn aus. Oder mit dem Wissen um komplexe organisatorische Phänomene oder um mikropolitische Prozesse. Dieses know- how kann nicht  ausschließlich theoretisch erworben werden. Es erfordert entsprechende Organisationserfahrung. Typische Aufgaben und Problemstellungen von Führungskräften sollten bekannt sein, wie z.B. Auswirkungen von Change-Prozessen, Organisationskultureffekte und betriebswirtschaftliche Aspekte.

Und dann sollte vielleicht einmal klar und offen kommuniziert werden: Kaum jemand, (in Zahlen: 10%) lebt vom Coaching allein. Schauen Sie sich um bei den Großen in der Beraterszene und Sie werden schnell weitere Standbeine finden. Ein von mir seit Jahren beobachtetes Phänomen: Zuerst positioniert sich jemand als Coach. Das Geschäft läuft zäh und schleppend. Es kommt zu einem Wechsel der Zielgruppe. Jetzt werden Coaches beraten, wie sie ihre Dienstleistung an den Mann bringen können. Hinzu kommt eine selbstgestrickte Coachingausbildung und schon hat man das dritte Standbein. Oder man arbeitet bei einem Ausbilder als Dozent. Diese Berufsbiographien können Sie bei zahlreichen Coaches nachvollziehen. Also lassen sie sich nicht blenden. Als Coach zu arbeiten ist mit sehr viel Arbeit verbunden und alles andere als ein Spaziergang. Mit ein “bisschen” coachen kann sich kein Coach über Wasser halten.

Um als Coach zu arbeiten sollten sie über die Fähigkeit verfügen Sachverhalte aus unterschiedlichen Perspektiven zu beleuchten. Auch sich selbst sollten sie kritisch beleuchten und beleuchten lassen. Das heißt, dass es ohne eigene Kritikfähigkeit nicht geht.

Bereits zu einem sehr frühen Zeitpunkt sollten sie sich Gedanken machen, wen Sie coachen wollen. Sie sollten ihre Affinität zur Zielgruppe prüfen, vorhandene Feldkompetenz einbringen und möglichst rasch für sich klären, ob sie Zugang zur Zielgruppe bekommen. Unternehmen z.B. Burnoutberatung für Mitarbeiter anzubieten die sich monatelang im Krankenstand befanden und in die Firma zurückkehren, nach therapeutischer Intervention, erhalten in den seltensten Fällen noch ein Coaching zum Wiedereinstieg. Das erwarten die meisten Firmen von ihren Führungskräften selbst. Außerdem gibt es große Anbieter am Markt mit denen sie als Einzelkämpfer weder konkurrieren können, noch wollen.

Neben all diesen eher fachlichen Aspekten müssen Sie wirklich Spaß an Selbstmarketing haben. Es liegt nicht jedem sich auf öffentlichen Veranstaltungen zu tummeln, die eigene Leistung an den Mann zu bringen, Social-Networking zu betreiben und die eigene Marke zu entwickeln. Das ist aber eine notwendige Voraussetzung um erfolgreich zu werden. Dabei bleibt viel Zeit auf der Strecke die man tatsächlich unter Spaß kategorisieren sollte, weil sie sich monetär kaum auszahlt.

Jemanden professionell zu coachen ist richtig anstrengend. Ich finde das wird oft bei der ganzen Euphorie für dieses Berufsfeld vergessen. 4 Klienten am Tag sind eine Menge. Die brauchen sie als hauptberuflicher Coach um zu überleben. Fragen  Sie mich nach einem Arbeitstag nach meinem Befinden so werden sie von mir meist hören: “Mir bluten die Ohren”. Will heißen, bei aller Begeisterung für meinen Beruf -ich liebe ihn wirklich- achte ich sehr darauf meine Batterien aufzuladen und mich fit zu halten, eigene Grenzen anzuerkennen und nur soviel zu arbeiten, dass ich noch glaubwürdig bin. Sie müssen als Coach in der Lage sein sehr viel menschliches Leid zu ertragen ohne sich anstecken zu lassen. Und das geht nur mit viel Humor, gutem familiären Rückhalt und einer Menge Optimismus! Außerdem habe auch ich mehrere Standbeine. Hauptberuflich arbeite ich am Thema Passung von “Mensch und Beruf” und als Organisationsentwickler, in eigener Praxis als Coach und Supervisorin.

Menschen die sich ernsthaft mit der Frage beschäftigen, ob sie Coach werden wollen, empfehle ich folgende Literatur vor Beginn einer Coachingausbildung. Damit können sie im Vorfeld besser klären ob diese Berufsrichtung zu Ihnen passt.

Norbert Hildebrand – Management von Coaching

Giso Weyand – Sog-Marketing für Coaches
Ein sehr guter Übersichtsartikel findet sich bei Stefan Kühl, Uni Bielefeld:

Die Professionalisierung der Professionalisierer

Wenn Sie Menschen kennen die sich gerade mit dem Gedanken beschäftigen  Coach zu werden, dann empfehlen Sie Ihnen doch diesen Artikel! Auch über ein Teilen des Artikels in Ihrem bevorzugten sozialen Netzwerk freue ich mich. Und wie immer freue ich mich auch über Kommentare.

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  1. Sehr guter Artikel, liebe Frau Nowotny!
    Auch, um die vielerorts zu beobachtende Euphorie über den Coach-Beruf zu dämpfen. Auch ich könnte vom Coaching nicht leben und ich bin seit 30 Jahren im Geschäft und schon etwas bekannt.
    Am besten verdienen die Anbieter von Coaching-Ausbildungen, die völlig unrealistische Szenarien aufbauschen, wie toll der Coach-Beruf sei und was man da mit “Beraten” verdienen könne.
    Ja, stimmt! Coaching ist anstrengend. Weil man viele Gefühle aushalten muss und aus dem Wust von Informationen, die einem der Klient bringt, den roten Faden zu finden.
    Außerdem braucht es für den Coaching-Beruf eine Menge Selbstkenntnis und Lebenserfahrung. Ersteres, damit man nicht die eigenen Neurosen beim Gegenüber bekämpft. Und zweitens, um abzuschätzen, was sich ändern lässt und was nicht. Und dass Tools nicht alles sind.

    • Dankeschön, lieber Herr Kopp-Wichmann!
      auch ich glaube, dass Sie zu den schon etwas bekannteren Coaches gehören und die Lage realistisch einschätzen! Mir hat auf Ihrer Seite der Artikel mit Bezug zu Kafka sehr gut gefallen, den ich gerne zur Vertiefung hier verlinken würde: Warum Kafka immer seine Rechnungen bezahlen konnte.
      Er hilft sicher auch dabei, etwas weniger euphorisch, dafür aber umso erfolgreicher, Arbeit so zu gestalten, dass man sich mit ihr anfreunden kann.
      Vielen Dank für ihren Kommentar!

  2. Hans-Jürgen Rößler

    Hallo Frau Nowotny,
    ich mache gerade eine Ausbildung zum Choach und finde Ihren Artikel sehr ehrlich und direkt. Er macht den werdenden Choaches klar was alles auf sie zukommen wird und ich glaube ihnen das die wenigisten wirklich davon leben können.
    Aber es gibt ja immer wieder Situationen im Leben, wo andere Menschen um Hilfe bitten und da kann dann eine Ausbildung doch sehr hilfreich sein. Da geht es dann nicht ums Geld, sondern darum andere nicht in Stich zu lassen. Nun ist es wohl auch ein Reflex von uns Menschen immer gleich mit RATSCHLAG anderen helfen zu wollen und gut gemeinten RAT zu geben. Ich merke jedenfalls das ich auch zu diesen Menschen gehört habe und durch die Ausbildung eine ganz andere Sicht, für Leute die Hilfe haben wolllen, bekommen habe. Oder besser noch ich habe meine Einstellung verändert.
    Vielleicht ist es eine gute Sache die Choaching Ausbildung erstmal aus dieser Sicht zu sehen. So kann man selbst in den Beruf des Choaches hineinwachsen und dann später tatsächlich mal davon leben. Wenn nicht hat man immer noch ein Instrument und anderen zu helfen, was doch auch eine wunderschöne Sache ist.
    Mit freundlichen Grüßen Hans-Jürgen Rößler

    • Hallo Herr Rößler,
      unter der Prämisse der persönlichen Entwicklung kann ich mich Ihrer Sichtweise voll und ganz anschließen! Eine Coachingausbildung bietet echte Chancen zum persönlichen Wachstum. Und ich finde es schön diesen Aspekt nicht völlig unter den Tisch zu kehren. Mir ging es mit meinem Artikel in erster Linie darum vor schnellen Entscheidungen zu warnen. Viele Menschen sind beseelt von diesem Beruf und stürzen sich für meinen Geschmack ein wenig zu schnell in die Selbstständigkeit. Dies dann mit sehr unrealistischen Vorstellungen im Hinblick auf die Verdienstmöglichkeiten.
      Ich danke Ihnen für den Kommentar und für diesen Blick auf die Dinge!
      Herzlichst
      M. Nowotny

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