fotolia© Sunny studio

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So der gleichnamige Titel von Marco Maurers Buch. Ich habe kein Rezensionsexemplar angefordert. Aus Solidarität. Uns verbindet unsere Herkunft und ich möchte das Herr Maurer Geld verdient mit seinem Buch! Ich bin noch nicht durch, es ist quasi druckfrisch, aber ich merke wie es mich antreibt zum Schreiben. In Maurers Buch geht es um Bildungsgerechtigkeit, um Deutschland und um die Folgen der eigenen Herkunft. Wir sind Arbeiterkinder, wir haben als erste in unseren Familien einen akademischen Abschluss. Der Weg dorthin war steinig und anstrengend. Und weil mich Herr Maurer mit seinen Einsichten an meine eigene Biografie erinnert, habe ich beschlossen darüber zu berichten. Um Mut zu machen und gerade jungen Menschen auf dem Weg in den Job zu signalisieren, dass es geht, auch wenn es schwer ist.

Arbeiterkind

Ich bin in einer kleinen schwäbischen Stadt auf der Ostalb geboren. Meine Mutter war Haushaltshilfe bei Menschen die sich eine solche leisten konnten, mein Vater gelernter Zerspanungsmechaniker, 12 Jahre lang im Drei-Schicht-Betrieb. Geld war immer knapp. Die Schule habe ich geliebt, ich hatte das Gefühl in einem anregenden Umfeld zu sein. Sehr früh, genaugenommen in der ersten Klasse, wurde mir klar, dass nicht alle Schüler gleich sind. Manche waren gleicher. Zum Beispiel meine Freundin Birgit. Sie durfte vor der Klasse von zu Hause berichten. Vom Pool in der Villa. Wir lebten eher beengt, drei Kinder in einem Zimmer bis zum Umzug in eine größere Wohnung. Es gab also auch nichts zu berichten, in der Schule, von zu Hause.

In einem Aufsatz, in dem es um den Beruf des Vaters ging, erzählte ich dann doch von der Arbeit meines Vaters. Es hatte etwas von Vorhölle: Laute schmutzige Fabrikhalle, Fertigung von Baustahlmatten. Damit war wohl auch mein weiteres schulisches Schicksal besiegelt. In der vierten Klasse meinte die Lehrerein, dass bei Arbeiterkindern der Hauptschulabschluss reiche. Eventuell die Mittlere Reife. Und das obwohl ich sehr gute Noten hatte.

Also ging ich in die Realschule. Mein Bruder musste, da er ebenfalls ein Arbeiterkind war, schon zwei Jahre vor mir seine Träume begraben und ebenfalls auf die Realschule. In einer mindestens halbjährigen Diskussion am Mittagstisch versuchte er meine Mutter zu überzeugen, dass er Abitur machen wolle, nach der Realschule und nicht wie gewünscht eine Ausbildung zum Bankkaufmann. Bankkaufmann war das höchste der Gefühle. Mit seiner Hartnäckigkeit gelang es ihm im Anschluss an die Realschule auf das Wirtschaftsgymnasium zu gehen. Ich nutzte die Gunst der Stunde und überzeugte meine Eltern ebenfalls, dass ich auf das Gymnasium wolle und zwar sofort.

Aufstieg

Das war in der 7. Klasse. Ich informierte mich, erfuhr, dass es die Möglichkeit gäbe, mit guten Leistungen auch erst so spät auf eine weiterführende Schule zu kommen und so wurde ich in die achte Klasse des Gymnasiums aufgenommen. Ein Jahr Französisch musste ich nachlernen. Unterstützung gab es von der Mutter einer Klassenkameradin die mir kostenlos Nachhilfe gab und der ich heute noch dankbar bin. Sie hat mich in meinem Entschluss Abitur zu machen gestärkt, war ein Vorbild und unendlich unterstützend.

Am Gymnasium war schnell klar, dass es auch hier gleichere Klassenkameraden gab. Schlechte schulische Leistungen von Klassenkameraden aus Akademikerfamilien waren nicht so dramatisch, wie schlechte schulische Leistungen von Arbeiterkindern. Letztere hatten nämlich keinen Papa der sich beim Lehrer nach dem Leistungsstand der Tochter oder des Sohnes erkundigte. Es wäre meinen Eltern im Traum nicht eingefallen, an der Schule für mich zu kämpfen. Das macht man dann selbst, weshalb ich Herrn Maurers Beobachtungen bestätigen kann: Arbeiterkinder lernen früh für die eigenen Rechte zu kämpfen und haben eine sensible Wahrnehmung für Ungerechtigkeit. Das bleibt ihnen auch später im Beruf erhalten.

Ich wechselte die Schule, weil ich unbedingt einen Leistungskurs machen wollte, den es in meiner Stadt nicht gab. Religion, es interessierte mich. Das war vielleicht mein Glück. An der neuen Schule schien die Herkunft nicht denselben Stellenwert zu haben, wie an der alten Schule. Wenngleich ich umgeben war von Beamtenkindern. Es gab in der Nachbarstadt wenig Industrie, deshalb auch kaum Arbeiterkinder in der Schule. Höchstens die Kinder von Bauern, wenige, aber dennoch. Ein Klassenkamerad stellte mich in seiner sozialdemokratisch geprägten Familie -Mutter Lehrerin, Vater Landtagsabgeordneter- als echtes Arbeiterkind vor. Mir war beim Mittagessen im bürgerlichen Ambiente eher unwohl. Ich begriff aber auch schnell, dass es ein Vorteil war, ungebildete Eltern zu haben. Ich habe nie Zensur erlebt. Ich konnte lesen was ich wollte, meine Eltern hätten mir nie Empfehlungen gegeben. Anders im Akademikerhaushalt des Schulfreundes. Da wurde dann schon mal die Lektüre des Sohnes kritisch beurteilt, verboten wohl nicht, aber negativ konnotiert.

Bücher gab es bei uns zu Hause 2 oder 3. Als wir auf die weitergehende Schule gingen, beschlossen meine Eltern beim Bertelsmann Buchclub ein zwanzigbändiges Lexikon zu kaufen. Praktisch war sicher dass es ein Abo war und alle zwei Monate ein anderer Buchstabe geliefert wurde. Noch heute habe ich ein gestörtes Verhältnis zu Bertelsmann, Begriffe die ich im Lexikon nachschauen wollte, konnte ich nicht finden, das Buch mit dem richtigen Buchstaben war noch nicht da…

Seit der Lektüre von Herrn Maurers Buch weiß ich nun, dass es nicht unüblich ist, dass Arbeiterkinder früh schwanger werden. Ich bin also meiner Herkunft treu geblieben, konnte das Abitur nicht auf dem ersten Bildungsweg machen, sondern erst nachdem meine Tochter 3 Jahre alt war. Dazu musste ich wieder die Schule wechseln, mit Kind muss man von irgendetwas leben und nur auf einem Kolleg gab es Bafög. Das hätte niemals gereicht um mich und meine Tochter zu ernähren, ich musste immer parallel arbeiten. Das übrigens seit meinem zwölften Lebensjahr.

Denn Geld war immer knapp und bevor ich meine Mutter um Geld gebeten hätte, hätte ich lieber Tag und Nacht gearbeitet. Der erste Job war Zeitungen austragen. 10 Mark gab es für zwei Nachmittage Arbeit. Früh habe ich anderen Nachhilfe gegeben, natürlich bezahlt. Dann habe ich mit 15 in der Gastronomie angefangen und einen Großteil meines Studiums auf diesem Weg finanziert. Ein typischer Schultag sah so aus, dass ich morgens 5.45  Uhr im Zug nach Stuttgart saß, um 6.45 Uhr eine Stunde die auf dem Schulweg liegende Eisdiele geputzt habe, um pünktlich um 8.oo Uhr in der Schule zu sitzen. Nach der Schule nach Hause, Essen, umziehen und abends bedienen.  Unendlich dankbar bin ich meinen Eltern und dem Vater meiner Tochter für die Unterstützung bei der Kinderbetreuung.

Es war klar, dass ich nach dem Abi weiterarbeiten musste. Ich bekam nicht sofort einen Studienplatz und verdiente mir das Geld zum Leben durch einen Job im Behindertenheim, zuerst in der Küche, dann auf der Wohngruppe, auf einer Raststätte, in der Werksküche einer großen Firma.

Der Studienplatz kam quasi über Nacht im Nachrückverfahren. Keine Kinderbetreuung an der Uni, kein freier Kitaplatz in der ganzen Stadt. Es war deshalb nicht möglich meine Tochter mitzunehmen. Ich wohnte vier Tage am Studienort, drei Tage und in den Semesterferien an meinem Heimatort. Diese Konstellation war nur möglich, weil ich unglaublich gute Eltern und einen guten Partner hatte, die mich bei meinem Vorhaben zu studieren, unterstützt haben. Während des Studiums bin ich aufgeblüht, ich habe es geliebt stundenlang in der Unibücherei zu schmökern, mein Psychologiestudium war die Erfüllung pur. Trotzdem musste ich arbeiten. Ich habe zwei Tage während der Woche bis  zwei Uhr nachts bedient, morgens um 8 Uhr saß ich in der Vorlesung. Am Wochenende konnte ich in einem gehobenen Speiselokal von 10 Uhr morgens bis zum nächsten Morgen um 6 Uhr arbeiten. Das war nur möglich, weil das Lokal Hochzeiten bewirtet hat und im Anschluss die Vorbereitungen für den Brunch am nächsten Tag erledigt werden mussten. Der Chefin habe ich erklärt, dass ich es mir nicht leisten kann zwei Tage zu kommen, lernen musste ich schließlich auch irgendwann.

Gerne hätte ich nach dem Studium promoviert, der Antrag für ein Forschungsprojekt lief und lief, ich bekam kein Bafög mehr und konnte einfach nicht mehr warten bis er endlich bewilligt wurde. Deshalb habe ich nach dem Studium einen Job gesucht und gefunden. Die Promotion konnte ich faktisch aus finanziellen Gründen nicht mehr machen.

Während des Studiums habe ich in allen Semesterferien gearbeitet, ich habe zusätzlich zur Gastronomie mein psychologisches Wissen zu Geld gemacht. Wenn ich etwas gelernt habe in all diesen Jahren dann war es Geld verdienen. Als ich meine Diplomarbeit zum Binden gebracht habe, ließ ich ein zusätzliches Exemplar anfertigen. Für meine Eltern. Meine Mutter weinte, mein Vater sagte, dass er nicht verstehe was ich geschrieben hätte, sie seien aber unglaublich stolz auf mich.

Working Class Hero

Wenn ich Herrn Maurers Frage nach der Bildungsgerechtigkeit in Deutschland beantworten müsste, dann würde ich sagen, die gibt es nicht. Klar habe ich, wie viele andere Arbeiterkinder einen akademischen Abschluss geschafft. Mir war jedoch schon in der ersten Klasse meine Schichtzugehörigkeit klar. Mir war auch klar, dass ich mit meinem Vorhaben zu studieren aus der Rolle fiel. Es gab keine Rollenvorbilder in der Familie. Trotz guter intellektueller Leistungsfähigkeit wurde meinen Eltern nicht empfohlen mich auf ein Gymnasium zu schicken. Wenn ich Nachhilfe brauchte musste ich dafür sorgen, dass ich Geld verdiente um sie mir leisten zu können.

Aber ich garantiere ihnen, ich bereue nichts! Ich hatte mit 30 Jahren mehr Einblick in die Lebens-und Arbeitswelten von Menschen, als Kommilitonen aus Akademikerfamilien. Ich habe mein Potenzial tatsächlich entfaltet und kann heute Menschen dabei unterstützen nicht vorschnell aufzugeben. Ich habe ein untrügliches Gespür für Fairness am Arbeitsplatz, keinen Respekt vor Hierarchien und das Wichtigste: Ich habe keine Angst. Das unterscheidet mich von vielen Arbeitskollegen. Ich weiß dass ich immer überlebe, denn die Jahre des Studiums und der Arbeit haben mir gezeigt, dass ich mit meinen Fähigkeiten Geld verdienen kann. Ich schließe mich jedoch dem in Herrn Maurers Buch zitierten Rüdiger Grube, Vorstandsvorsitzender der DB und Arbeiterkind, an: Mein Aufstieg war möglich, aber zu schwer.

Zwischenzeitlich denke ich bei Menschen aus Akademikerfamilien nicht mehr, die hatten es viel besser. Meine Arbeit erlaubt mir tiefen Einblick in die Biografien von Menschen. Ich komme zu dem Schluss: Akademikerkinder haben andere Zwänge. Die sind nicht unbedingt besser, anders eben.

Wenn ich mir anschaue wie mein Berufsweg verlaufen ist, dann nehme ich durchaus auch Blockaden war und Gratifikationskrisen z.B. bei der Arbeit. Wer so viel Aufwand treibt, um einen guten akademischen Abschluss zu bekommen, der erwartet von der Arbeit viel. Manchmal zu viel.

Marco Maurer hat mit seinem Buch eine feinfühlige und gut recherchierte Analyse zum Thema Bildungsgerechtigkeit bzw. Bildungsungerechtigkeit geschrieben. Er hegt den Verdacht, dass die Durchlässigkeit des Bildungssystems abnimmt, dass es weniger Arbeiterkinder schaffen als in den 70 und 80iger Jahren. Auch ich mache mir Sorgen. Mein Sohn weiß mit 12 Jahren was ein Hartz IV Empfänger ist und möchte um Himmelswillen nie einer werden. Kinder in seiner Schule outen sich nicht aus Scham und aus dem tiefen Wissen, dass sie dadurch noch weiter ins Abseits rutschen. Welche Spuren Armut bei Menschen hinterlässt ist gut erforscht, man hat sozusagen ein Leben lang daran zu arbeiten.

Ich will mich aber auf Aspekte konzentrieren die dazu beitragen, dass es noch mehr Menschen schaffen, trotz armer Herkunft, aufzusteigen. Deshalb kann ich mich Marco Maurer anschließen, wenn er von Mentoren auf seinem Weg berichtet. Auch ich hatte sie. Die Deutschlehrerin am Gymnasium, die mir immer wieder klar machte, dass ich es schaffen kann. Die Mutter der Klassenkameradin mit ihrem kostenlosen Nachhilfeunterricht. Und später Personalchefs die nicht nur die Noten, sondern auch mein außerordentliches Engagement zu einem akademischen Abschluss gewürdigt haben.

Ich weiß dass dieser Beitrag sehr persönlich ist. In meinem Blog geht es um Psychologe für den Job und um Potenzialentwicklung. Sie können sich vielleicht nach diesem Beitrag besser vorstellen, was ich damit meine. Besonders freuen würde ich mich, wenn Sie den Artikel in ihrem Netzwerk teilen. Ich hätte gerne, dass es mehr Menschen gelingt, trotz schlechter Startbedingungen, ihren Weg zu machen. Marco Maurers Buch empfehle ich vor allem den Arbeiterkindern unter Ihnen. Es zeigt auf beeindruckende Weise, dass wir nicht die Working Poors bleiben müssen, sondern das Potenzial zu Working Class Heros haben!

Marco Maurer

 

Du bleibst was Du bist – Warum bei uns immer noch die soziale Herkunft entscheidet, Marco Maurer

 

Und hier geht es zu Arbeiterkind, der von Katja Urbatsch gegründeten Initiative zur Unterstützung von Schülerinnen und Schülern.

  1. Liebe Frau Nowotny,

    haben Sie herzlichen Dank, dass Sie Ihre Geschichte niedergeschrieben haben.
    Sie bewegt mich.
    Bestimmt denke ich nun öfter zum Beispiel an die Buchstaben vom Lexikon.
    Ich finde schön, dass Sie heute diesen wunderbaren Beruf als Psychologin und Coach ausüben.

    Herzliche Grüße sendet
    Ihnen Christine Paulus

  2. Toller Blog und Sie können stolz auf sich sein, dass sie alles selbst erreicht haben. Wie viele Kinder setzen sich ins gemachte Nest? Ich kenne einige.
    Wer für seine Bildung kämpft kann sehr wohl gewinnen, von nix kommt nix

  3. elisabeth

    Liebe Margit,
    danke, auch für das Teilen deiner Geschichte! Sehr berührend und authentisch! In deinem Weg steckt bereits die Energie, die in deiner Arbeit mit deinen KlientInnen so förderlich ist und uns allen zugute kommt.
    Gruß und Dank
    Elisabeth

    • Liebe Elisabeth,
      vielen Dank für die schöne Rückmeldung. Es würde mich freuen, wenn Du Dich inspirieren lässt für Dein Projekt! Frei nach dem Motto: “Nichts ist unmöglich!”
      Herzlichst
      Margit

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