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Effectuation oder wie gründet man ein Unternehmen?

fotolia© Coloures-pic

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Jahrelang war ich davon überzeugt, dass es für die erfolgreiche Unternehmensgründung bestimmter Charaktereigenschaften bedarf, über die ich selbst nicht zu verfügen schien. An erster Stelle die Risikobereitschaft. Die habe ich nicht unbedingt. Das hat sicher etwas mit meiner Erziehung zu tun. In meiner Familie machte man keine Schulden. Das war geradezu unanständig. Nun wusste ich dass ein Unternehmen Kapital braucht. Ich dachte bisher auch ohne Businessplan geht gar nichts. Als ich im Jahr 2006 mit meiner Praxis begann, ging ich todesmutig zur Bank und erklärte den beiden Bankangestellten, dass ich mich selbstständig machen wolle. Ich hatte einen Businessplan.  Nein, es sollte nicht der große Wurf werden. Ein Kleinunternehmen. Mit der Sicherheit der Festanstellung im Hintergrund. Das entspricht wohl auch meinem Naturell. Weil ich ja diese Risikobereitschaft nicht habe. Ich wollte also genau 5000.- € um die Praxisräume zu möblieren, um mir eine Homepage erstellen zu lassen, um einen Grafiker zu engagieren und um einen Flyer mit Visitenkarten drucken zu lassen. Gelernt hatte ich zwischenzeitlich, dass es sich bei meinen 5000.- € nicht um Schulden sondern um Investitionskapital handelte. Die beiden von der Bank prüften meinen Businessplan auf Herz und Nieren und kamen  zu dem Schluss, dass ich kreditwürdig sei.

Also begann ich mit der Arbeit. Was genau ich in der Praxis anbieten wollte, wußte ich übrigens nicht. Ich wußte nur, dass ich gut Seminare erstellen und leiten kann und dass ich über langjährige Führungs- und Beratungserfahrung verfüge.

Die ersten Kunden kamen fast ausschließlich über die Homepage. Das Angebot schien ausreichend gut formuliert, um Menschen von den vorhandenen Kompetenzen zu überzeugen. Nach und nach kamen andere Aufträge dazu und zwischenzeitlich arbeite ich an einem Produkt um meine Dienstleistungen etwas stärker zu streuen, ohne dazu immer selbst anwesend sein zu müssen. Denn wie bei allen beratenden Berufen kann man nur eine begrenzte Zeit direkt mit den Menschen arbeiten.

Meine kleine Praxis ist mehr als ein Hobby. Sie ist für mich ein experimentelles Unternehmen, in dem ich all das erproben kann, was in der Festanstellung nicht möglich ist. Ich schließe nicht aus, dass sie noch wächst. Ohne zu großen Kapitaleinsatz. Immer wieder hatte ich das Gefühl, dass meine Unternehmensgründung nicht so richtig kompatibel ist, mit der Art  wie normalerweise gegründet wird. Bis ich das Effectuation Konzept entdeckt habe.

Saras Sarsavathy ist Professorin für Entrepreneurship an der Darden School of Business der Universität von Virginia. Sie erforschte erfolgreiche Manager und Unternehmer,  die über mindestens 15 Jahre unternehmerische Erfahrung verfügten, um die Systematik, die hinter der erfolgreichen Gründung steht,  zu erfassen. Es entstand eine “lehrbare” Form der Unternehmensgründung: Effectuation

Effectuation beschreibt eine Entscheidungslogik die von erfahrenen Entrepreneuren unter Ungewissheit eingesetzt wird. Diese stellt das üblicherweise eingesetzte kausale Denken auf den Kopf. Effectuation ist demnach eine eigenständige Denkweise für schwer einschätzbare Situationen.

Die Effectuation Prinzipien lassen sich wie folgt darstellen:

Es gibt vereinfacht betrachtet zwei Arten von Unternehmern. Diejenigen die den Markt analysieren und sich auf die Suche nach Marktlücken machen und die Anderen, die den Markt selbst erschaffen. Letztgenannte sind die Effectuator. Sie vertrauen nicht auf Marktanalysen sondern gehen auf Menschen zu, um direkt zu fragen was sie von einer Dienstleistung bzw. einem bestimmten Produkt halten, um es dann umzusetzen oder gegebenenfalls an die Bedürfnisse des Marktes anzupassen.

Einstellung gegenüber der Zukunft:

Die Zukunft wird als nicht vorhersehbar bzw. planbar beurteilt, kann jedoch durch Vereinbarungen mit anderen gestaltet werden. Investoren, Partner und Kunden gehen Vereinbarungen in Bezug auf ein künftiges Produkt, Unternehmen oder einen noch nicht existierenden Markt ein und reduzieren dadurch Ungewissheit. Effectuator gehen davon aus, dass die Zukunft durch eigenes Handeln mitgestaltet werden kann.

Basis für das Handeln:

Ausgehend von den verfügbaren Mitteln – “Wer bin ich, was weiß ich und wen kenne ich” – wird entschieden, welche veränderlichen Ziele angestrebt werden. Wichtig ist, dass es nicht umgekehrt geschieht, also nicht zuerst das Ziel und dann nach den Mitteln schauen. Am eindrücklichsten kann man das mit dem Limonaden Beispiel illustrieren: Wenn das Leben dir Zitronen gibt, mach Limonade draus.

Einstellung gegenüber Risiko und Ressourcen – Einsatz:

Investiere nur, was Du Dir bei Verlust auch leisten kannst. Deshalb ist das Gründungsrisiko minimal.

Einstellung gegenüber Anderen:

Partnerschaften werden mit denjenigen eingegangen, die bereit sind unter Ungewissheit verbindliche Vereinbarungen einzugehen und eigene Mittel zur Kreation des Projekts einbringen.

Einstellung gegenüber dem Unerwarteten:

Unerwartetes, Zufälle und Umstände können als Hebel genutzt und in Innovation und unternehmerische Gelegenheiten transformiert werden. (s. hierzu Effectuation, Wikipedia)

Mir selbst wurde erst rückwirkend klar, dass ich ein Effectuator bin. Ich habe mir jahrelang Gedanken wegen der fehlenden Risikobereitschaft gemacht und gleichzeitig gelernt auftretende Gelegenheiten und Zufälle als Chancen zu sehen. Das hat sicher nicht erst mit der Praxisgründung begonnen. Ich habe auf dem ersten Bildungsweg meine Tochter bekommen 😉 und deshalb auf dem zweiten das Abitur nachgemacht. Sowohl Abitur und Studium mußten finanziert werden. Die Bandbreite an Jobs, die ich in dieser Zeit ausgeübt habe, zeigt alle Kennzeichen von Effectuation. Vielleicht fällt es mir deshalb auch in der Praxis leicht in Möglichkeiten und Angeboten zu denken. Für potenzielle Gründer bietet der Effectuation Ansatz einen vorsichtigen und umsichtigen Einstieg in die Gründung. Ich vermute jedoch, dass Gründer, die mit diesem Ansatz erfolgreich sind, über eine hohe Ambiguitätstoleranz verfügen. Damit wird in der Psychologie die Fähigkeit, mit widersprüchlichen Situationen zurecht zu kommen, beschrieben. Auch das Aushalten können von Ungewissheit fällt in diese Kategorie.

Im deutschsprachigen Raum befasst sich Michael Faschingbauer mit dem Effectuation Ansatz. Ich halte das Konstrukt für absolut nutzbar und hilfreich. Vielleicht nützt es auch Ihnen bei Ihren Gründungsvorhaben!

Effectuation

Effectuation, Wie erfolgreiche Unternehmen denken, handeln und entscheiden, Michael Faschingbauer

 

 

 

  1. Wenn ich das richtig verstehe, basiert effectuation auf der Vorhersage der Zukunft. Aber wer kann bitte sagen, wie was auf dem Markt ankommen wird? Anfangs herrscht doch immer eine hohe Ungewissheit und auch Unerfahrung. Effectuation ist also der Mut zum Risiko, richtig? Ein Erfolg ist nicht unbedingt gegeben. Jeder Mensch denkt doch irgendwie anders, also ist effectuation als “entweder oder” zu verstehen”?

    • Liebe Lara,
      Effectuation beruht nicht direkt auf der Vorhersage von Zukunft. Auch die Risikobereitschaft muss nicht hoch sein. Es geht eher um den “leistbaren Verlust”. Das heißt, wieviel ist man bereit z.B. in monetärer Hinsicht zu verlieren. Man gründet in ganz kleinen Schritten und schaut dann, wieviel man maximal an Verlust in Kauf nehmen würde. Bei meiner Gründung waren das 5000.00 €. Eine eher überschaubare Geldmenge. Und ich habe letztlich keinen Verlust gemacht, weil mein Mini-Unternehmen ja läuft. Dir ein herzliches Dankeschön für Deinen Kommentar!
      LG Margit

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