Allgemein Stressmanagement

Ich und die Kennzahlen

Top-Daumen vor positiver StatistikAlso: Ich gestehe, ich war in Mathematik nie so gut. Ich habe wahrscheinlich eine Dyskalkulie, zwischenzeitlich hat sich das ausgewachsen oder wie der Psychologe sagt, irgendwie kam es zu Kompensationsleistungen. Trotzdem bereiten mir Kennzahlen nach wie vor Probleme. Sie begegnen mir seit einigen Jahren überall. In der Supervision, im Coaching, in Unternehmen. Die einen klagen, dass die Kennzahlen so immens wichtig seien, die anderen versuchen zu verstehen, was die Kennzahlen eigentlich sagen, weil es nun schon so viele sind und die nächsten finden Kennzahlen ganz Klasse, weil sich damit angeblich irgendwas steuern lässt. Mir sind die Kennzahlen suspekt.

Manchmal finde ich so eine Kennzahl praktisch, weil sie angeblich Auskunft über meine Leistung gibt. Interessanter Gedanke. Woher weiß die Kennzahl was ich leiste. Wie erfasst sie das? Quantitativ? Also nach dem Motto, wie viele Menschen, wie oft? Qualitativ? Wie schwer, wie intensiv, wie stark emotional beteiligt. Ich glaube ich brauche mehr Kennzahlen. Die die ich so in meinem beruflichen Alltag erlebe, bilden nicht die gefühlte Belastung ab. Ich mach mal ein Beispiel. Wenn ich täglich mit 4 Menschen spreche dann führt das langfristig dazu, dass ich eine Zielerreichung von 100% schaffe. Wenn ich 5 Minuten mit Klienten spreche ist das dann genauso gut, wie wenn ich eine Stunde mit ihnen rede? Ist das  Ergebnis des fünfminütigen Gesprächs das gleiche, wie das des einstündigen?

Komisch oder? Deshalb würde ich mir noch viel mehr Kennzahlen wünschen. Eine für die subjektive Belastung durch sogenannte Fälle, eine für erfolgreiche Gespräche, wobei wir natürlich dazu erst mal ausführlich festlegen sollten, was Erfolg eigentlich bedeutet. Das ist in der Psychologie auch nicht immer ganz leicht. Bin ich dann erfolgreich, wenn ich es schaffe Klienten möglichst rasch wieder dem Produktionsprozess zuzuführen oder nur dann, wenn ich es schaffe die Gesundheit des Betreffenden im Auge zu behalten, damit er möglichst nicht zu hohe Kosten für das Gesundheitswesen erzeugt. Oder bin ich erfolgreich, wenn ich durch mein Gespräch möglichst verhindere, dass Kosten für das Unternehmen entstehen?

Oder jetzt mal im Coaching. Wenn sogenannte Leistungsträger unter der Last der Kennzahlen ächzen, wenn die Mitarbeiter so gar nicht das bringen was vorher in irgendwelchen Zielvereinbarungen festgelegt wurde, wenn sie wissen wollen was sie tun können, um die Mitarbeiter zu optimieren, damit sie noch besser bei der Erbringung der Kennzahlen funktionieren. Da bin ich dann immer ein bisschen ratlos, weil ich ja meist auch nicht weiß wie viel die Mitarbeiter schon gearbeitet haben, ohne dass das von einer Kennzahl erfasst wird.

Ja, sie wundern sich. Ich würde mir wünschen, dass wir Selbsthilfegruppen für Kennzahlen und Kennzähler gründen, dass wir gemeinsam über unser Verhältnis zur Kennzahl nachdenken, über Nutzen, Sinn und Wert derselben, dass wir vielleicht in einem kollektiven Miteinander noch ein paar neue Kennzahlen entwickeln. Noch wird nicht alles gemessen, deshalb hätten wir hier eine sinnstiftende und sicher sehr lange anhaltende Aufgabe gemeinsam vor uns. Ich denke auch meine Arbeit als Coach und Supervisor könnte stärker kennzahlenorientiert werden. Ich könnte mich und meine Leistung in Benchmarkings mit anderen lokalen Coaches vergleichen. Input, output Kennzahlen entwickeln, den Return on Investment mal genauer unter die Lupe nehmen, überhaupt Kriterien für Erfolg und Misserfolg von Coachings festlegen, meine Klienten bitten Selbstoptimierungsversuche zu dokumentieren um klare Handlungsfelder für weitere Optimierungsmöglichkeiten zu finden.

Wir könnten, nachdem Forschung und Lehre zwischenzeitlich schon ganz gut mit Kennzahlen versorgt sind, so langsam in die Schulen und in die Kindergärten. Ich glaube da gibt es noch eher wenig Kennzahlen. Wir könnten z.B. erheben, wie lange die optimale Interaktionszeit eines Erziehers mit dem ihm anvertrauten Kind ist und dann hochrechnen, wie viele Kinder von einem Erzieher gemanagt werden könnten. Außerdem könnten wir uns so langsam mal Gedanken machen wie die Kleinen etwas schneller ihre Fertigkeiten und Kompetenzen entwickeln, um möglichst rasch das Ziel Kindergartenabschluss zu erreichen. Wir könnten dann Rankings bilden und gleich die weniger Begabten aussortieren, um ihnen die Beschulung ganz zu ersparen. Profitieren würde davon das Bildungssystem, denn wir würden sofort wesentlich weniger Lehrer benötigen, es wären einfach weniger Schüler. Unvorstellbare Kosteneinsparungen.

Vielleicht sollten wir in der Kennzahl – Selbsthilfegruppe auch wagen, die Kennzahl als solche mal in  Frage zu stellen. Einfach mal gemeinsam innehalten und überlegen ob wir ihr so viel Macht geben wollen, dass sie uns bis in unsere Träume verfolgt. Wir könnten auch gemeinsam an einer kennzahlfreien Zone arbeiten, eine Vision von Arbeit entwickeln, die sinnvoll ist. Ach ja, Sinn und Unsinn ist kennzahldefiniert, da kommen wir wohl nicht so schnell raus aus dieser Nummer.

Foto (4)Ich empfehle allen Kennzahlgeplagten Paul Verhaeghe. Der Psychoanalytiker hat ein wunderbares Buch über „Identität in einer durchökonomisierten Welt“ geschrieben. Danach geht es Ihnen besser. Garantiert!

Titel: UND ICH? Identität in einer durchökonomisierten Welt, Paul Verhaeghe

Foto: © fotogestoeber – Fotolia.com

  1. Ein absolut genialer Blog!! Ich habe täglich mit Key Performance Indicators (kurz KPI) zu tun, diese aber noch nie in anderen Lebensbereichen als im unternehmerischen Finanzsektor gesehen 🙂

    • Liebe Larah,
      es ist nur eine Frage der Zeit und wir haben die KPI’s für die KITA. Die McKinseys stürzen sich im Moment auf den Bildungssektor und wenn die durch sind kommen die Kleinen dran…Ein bisschen Sorgen macht mir das schon.
      Danke für Deinen Kommentar und lass die KPI’s nicht in Deine Träume!
      Herzlichst
      Margit Nowotny

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