Politisches Dsign, Graffiti Aalen

Ab und zu besuche ich eine Fortbildung, um neuen Ideen die Chance zu geben, mein Gehirn in Bewegung zu bringen. Auf Empfehlung einer befreundeten Designerin wurde ich auf eine Veranstaltung aufmerksam, die ich in meinem stark psychologisch geprägten Umfeld vermutlich nicht gefunden hätte.

Politisches Design – Demokratie gestalten

Design hat in meinem Alltag bisher nicht so viel Raum. Vielleicht bin ich deshalb auch so begeistert von den Ideen und Gedanken, mit denen ich am Wochenende in Tutzing an der evangelischen Akademie konfrontiert war.

 

Weltentwerfen

Friedrich von Borries sieht Design als entwerfend oder unterwerfend. Stellen sie sich einfach vor, dass man Städte so gestalten kann, dass sie integrativ oder ausgrenzend sind. Als Beispiel sei Hamburg genannt, wo sich wohlhabende Bürger mit Hilfe des Baurechts vor Armen und Ausländern schützen. Gut beschrieben in diesem ZEIT Artikel.

 

Gesellschaft mit Design gestalten

Oder der Blick nach Dänemark, den Mikala Holme Samsoe ermöglichte: Öffentliche Schulen die so gestaltet sind, dass sich neue Formen des Lernens problemlos in den Räumen umsetzen lassen. Ich weiß ja nicht wie es Ihnen geht, aber ich habe in den letzten Jahren so viele hässliche Schulen und Hochschulen gesehen, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass das ohne Wirkung auf den Bildungsnachwuchs bleibt. In kasernenähnlichen Klassenzimmern mit Frontalunterricht kann man höchstens aus Verzweiflung kreativ werden.

Dasselbe gilt natürlich auch für die Gestaltung von Arbeitsplätzen. Sie können ausschließlich funktional aber auch kreativitätsfördernd sein. Wir alle kennen mittlerweile die riesigen Spielzimmer von Google. Vergleicht man solche Räume mit Arbeitsplätzen zum Beispiel in Rathäusern, dann fällt es nicht schwer sich vorzustellen, dass Bürgernähe auch architektonisch gestaltet werden könnte.

Politik als Produkt?

Wussten Sie, dass sich Politiker von großen Design-Agenturen beraten lassen? Von Borries sieht Politik deshalb als Produkt, dem man ein neues Design verpassen sollte, um zum Beispiel die Wahlbeteiligung zu erhöhen. Im ersten Moment löste diese Idee bei mir das Gefühl aus, dass wohl alle Lebensbereiche zwischenzeitlich so durchökonomisiert sind, dass es gar nicht mehr merkwürdig ist, Politik zu „designen“. Schaut man sich den amerikanischen Wahlkampf an und die Selbstinszenierung der Kandidaten, so wird schnell klar, dass es sich lohnt, sich mit diesen Ideen vertraut zu machen, weil sie in beide Richtungen -Demokratie gestaltend oder Populismus fördernd – funktionieren. Hier lieferte Michael Klemm mit seinem Beitrag zur „Macht der Bilder – Visuelle Inszenierungen der Demokratie“ einen hervorragenden Beitrag.

 

Neue Räume braucht das Land

Elisabeth Hartung thematisierte die Bedeutung von „Neuen Räumen für das Land“. Mir wurde klar, dass sich Räume auf das Freiheitserleben auswirken. Wenn Demokratie gestaltet wird, geht dies über Partizipation. Für viele ist jedoch Politik zwischenzeitlich nicht mehr mit Partizipation assoziiert. Die sogenannten „Abgehängten“ erleben sich selbst nicht mehr als Gestalter ihrer Lebenswelten und natürlich auch nicht als Gestalter der Politik. Wenn Design tatsächlich machtvoll ist, dann wäre eine der Aufgaben z.B. die sozial „Abgehängten“ wieder zu ermächtigen, von ihrer Gestaltungskraft auch im politischen Bereich Gebrauch zu machen.

 

Storytelling

Dass ich vielleicht manchmal auch ein „Storyteller“ bin, wurde mir beim Vortrag von Martin Beyer klar. Der Titel des Vortrags: „Politik anders sprechen. Sprachdesign und Storytelling in der politischen Kommunikation“. Bisher konnte ich mit dem Begriff nichts anfangen. Über Geschichten lassen sich Emotionen erzeugen, wie sich das auch gezielt trainieren lässt, lehrt Martin Beyer.

Zentrum für politische Schönheit

Den Abschluss der Tagung bildete Yasser Almaamoun vom Zentrum für politische Schönheit. Wenn es die „aggressiven Humanisten“ mit ihren Aktionen sogar bis in die schwäbische Provinz schaffen, was sie tun, denn ich verfolge die Projekte seit längerer Zeit, dann wird deutlich wie über „Aktionskunst“ gestaltend auf Politik Einfluss genommen wird.

Boulevard Ulmer Straße

Wie es der Zufall will, war ich am Abend vor der Tagung bei einer Veranstaltung des Theaters der Stadt Aalen. Die Ulmer Straße kenne ich seit 50 Jahren, eine Straße die ich bisher nicht mit dem Wort Boulevard in Verbindung gebracht hätte. Eine Kirche, eine Villa, ein verlassenes Industriegebäude, eine Tonfabrik, die heute als Disco genutzt wird, wieder eine bezaubernde Villa, eine Moschee, ein Asylantenheim, das Wirtschaftszentrum der Stadt, in dem auch das Theater untergebracht ist. Schüler unterschiedlicher Schulformen haben in Schreibwerkstätten ihre Gedanken zu den Gebäuden der Straße formuliert, das Theater hat die Geschichten gelesen und in Szene gesetzt. Die Veranstaltung fand in der Villa Stützel statt, die von einem Ärzteehepaar zur Eventlocation umgebaut wurde. Was im Rahmen der Veranstaltung gelang: Es wurde Begegnung unterschiedlicher gesellschaftlicher Schichten möglich. Die Schüler kamen, um sich ihre Geschichten anzuhören und anzuschauen, die anderen Teilnehmer, so wie ich, wollten sich vielleicht nur einmal die Villa von innen anschauen. Der Abend machte mich überhaupt erst auf das Projekt „Boulevard Ulmer Straße“ aufmerksam. Ich würde es als Social Design bezeichnen, wenn unterschiedliche Gesellschaftsschichten Raum für Begegnung bekommen. Weitere Veranstaltungen wie die Gerücheküche, (danke Barbara, es heißt tatsächlich Gerüche und nicht Gerüchte) bei der in den unterschiedlichen Gebäuden Suppe gekocht wird und die Besucher zwanglos miteinander und mit den Bewohnern der Ulmer Straße ins Gespräch kommen, sind bis zum Sommer geplant und ich werde sicher nochmal die Gelegenheit nutzen. Genaugenommen ist die gesamte Veranstaltung nicht nur ein Kulturevent, sondern auch ein absolut gelungenes Integrationsprojekt und nach meinem Empfinden damit politisch.

 

Ja, Sie fragen sich bei diesem Artikel, was das mit „Psychologie für den Job“ zu tun hat. Ich berate seit fast 20 Jahren Menschen zu berufsbezogenen Themen. Manchmal denke ich, dass die Entwicklungen die auf uns zukommen, nicht mit den Methoden der Vergangenheit zu lösen sind. Wir brauchen alle kreative Ideen, um die anstehenden Veränderungen in der Arbeitswelt gestalten zu lernen. Und wenn ich zum x’ten Mal höre, dass wir „disruptiv“ denken müssen, dann wünsche ich mir mehr interdisziplinäre Zusammenarbeit. Rein betriebswirtschaftlich lässt sich die Zukunft nicht gestalten!

Foto: ©EmyFabiJuli

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  1. Pinkback: geekchicks.de » geekchicks am 20.03.2017 - wir aggregieren die weibliche seite der blogosphäre

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