Allgemein Arbeiten 4.0 Zukunftsarbeit

New Work als gesellschaftliche Notwendigkeit?

Winfried Felser ruft zur Blogparade unter dem Twitter hashtag #NewWork2017 auf und ich habe nach kurzem Zögern beschlossen, mich einzumischen. Das liegt am Titel der Blogparade: New Work – eine Idee deren Zeit gekommen ist?

Frithjof Bergmann und das amerikanische Wolfsburg

Der Begriff New Work geht ursprünglich auf Frithjof Bergmann zurück. Er war unmittelbar mit den Auswirkungen von Massenentlassungen in Flint, dem amerikanischen Wolfsburg konfrontiert und gründete gemeinsam mit Freunden das erste Zentrum für Neue Arbeit. Ziel war, die Auswirkungen der Massenentlassungen zu mildern indem alle nur die Hälfte arbeiten sollten, d.h. 6 Monate und in den anderen 6 Monaten sollten sie das tun, was sie wirklich, wirklich wollen. Die Arbeiter wurden durch das Zentrum für Neue Arbeit dabei unterstützt, herauszufinden was dies sein könnte. Das gestaltete sich nicht ganz so einfach….

Künstliche Intelligenz und selbstfahrende Autos

Stellen wir uns vor das selbstfahrende Auto erreicht das Musterländle. Stellen wir uns außerdem vor, dass es sehr preiswert produziert werden kann und die klassischen Zulieferer im Musterländle dem dann entstehenden Preisdruck nicht standhalten. Genau dann könnten wir hier Zustände wie im Flint der 80iger Jahre bekommen. Das ist ja nur ein Beispiel. Wenn Sie „Watson“, das ist IBMs Superrechner, ein wenig beobachten, dann werden Sie feststellen dass sich tatsächlich viele Tätigkeiten mit Künstlicher Intelligenz (KI) bewältigen lassen. Das fängt bei den Medizinern an, geht weiter über die Arbeit von Callcenter Mitarbeitern, wenn die Bots kommen, bis hin zu Tätigkeiten die momentan von Anwälten erledigt werden. Sie haben es sicher schon gehört: Viele der aktuellen Berufe werden in der Form wie wir sie kennen nicht mehr bleiben. Das bedeutet aber auch, dass viele Menschen keine Arbeit mehr im Sinne von Erwerbsarbeit haben werden. Wenn Sie sich mit dem Silicon Valley beschäftigen, dann wundern sie sich vielleicht, warum man dort vom bedingungslosen Grundeinkommen spricht. Das ist momentan die letzte Rettung für eine Welt, der die Lohnarbeit auszugehen droht.

Gleichzeitig wird lamentiert, dass wir uns in einem War of Talents befinden, dass die Nachfrage nach qualifizierten Arbeitskräften um 2020 das Angebot übersteigt. Das passt so gar nicht zu den parallel ablaufenden technologischen Entwicklungen die dazu führen, dass viele Menschen freigesetzt werden.

Nur attraktive Unternehmen ziehen kreativen Nachwuchs an

Und dann kommt das New Work Konzept mit einem neuen Aspekt ins Spiel. Um den Bedarf an qualifizierten Leuten zu decken, müssen sich Unternehmen attraktiver machen. Nur Unternehmen die irgendwie sexy sind, werden genug kreativen Nachwuchs anziehen. Und New Work bedeutet in diesem Kontext weniger starre Strukturen in Organisationen, Netzwerkorganisationen, flache Hierarchien, Kommunikation auf Augenhöhe, projektbezogenes und ergebnisorientiertes Arbeiten, kreatives Miteinander, Vertrauen in die Mitarbeiter…

New Work und das bedingungslose Grundeinkommen

Stellen Sie sich einfach vor es gäbe ein bedingungsloses Grundeinkommen – diese Idee geht letztlich auf Frithjof Bergman zurück- dann könnten Sie entscheiden, womit Sie ihre Zeit verbringen. Sie würden mit hoher Wahrscheinlichkeit arbeiten aber sicher nur dort wo sie auch gerne sind. Sie hätten plötzlich gegenüber Unternehmen unglaublich viel Macht. Momentan ist das ja eher anders. Sie sind gezwungen den Erwartungen Ihres Arbeitsgebers nachzukommen, Ziele zu erreichen die nicht Ihre sind, Tätigkeiten auszuüben die Sie häufig als völlig sinnfrei empfinden. Hätten Sie die Gewissheit ohne Job nicht gesellschaftlich abzurutschen, wäre Ihre Duldsamkeit im Job vermutlich etwas geringer. Sie wären wählerischer.

Angenommen Sie werden in den nächsten 10 Jahren ihren Job automatisierungs- und KI-bedingt verlieren, dann könnten Sie sich mit einem bedingungslosen Grundeinkommen Zeit lassen, um herauszufinden was Sie wirklich, wirklich wollen. Sie könnten beschließen, dass Sie gerne mit Menschen arbeiten wollen. Das würden Sie sogar unentgeltlich machen, nicht 7 Tage die Woche aber vielleicht 4 Stunden am Tag. Die andere Zeit üben Sie einen Job aus, der Ihr Grundeinkommen ein wenig aufbessert und mit der restlichen Zeit machen Sie was Sie schon immer gerne machen wollten. Kunst, Kultur, vielleicht auch Gartenbau, vielleicht erfinden Sie etwas, vielleicht kümmern Sie sich um die Kinder der Nachbarn, die noch in einem Vollarbeitsverhältnis stehen. Fakt ist, Sie müssten Ihren bisherigen Arbeitsbegriff radikal in Frage stellen. Sie müssten sich Gedanken machen wie Sie Ihr Leben gestalten und das fällt den meisten Menschen ziemlich schwer. Weil Arbeit das Leben strukturiert, weil es auch irgendwie bequem ist, 5 Tage zu wissen was zu tun ist und 2 Tage zur Erholung zu haben.

Können Sie sich vorstellen, dass sich viele Menschen mit dieser neuen Arbeitswelt sehr schwer tun? Dass sie nichts mehr fürchten, als den gehassten Job zu verlieren. Wir haben uns in den letzten Jahrzehnten vielleicht zu sehr mit der Arbeit identifiziert.

Wenn Roboter Brezeln backen

Und jetzt nochmal der Schwenk zu New Work in Unternehmen. Viele der Unternehmen wird es in der Form, wie wir sie jetzt kennen, in 10 -20 Jahren gar nicht mehr geben. Stellen Sie sich die klassische Bäckerei vor. Momentan haben die große Nachwuchssorgen. Nur wenige Jugendliche wollen sich den Stress des frühen Aufstehens in Kombination mit schlechtem Verdienst antun. Wäre es so schlimm wenn der Großteil der Bäckereien vollautomatisch Brötchen backen würde? Wenn gar keiner mehr früh aufstehen müsste, um zu backen? Wenn stattdessen Roboter die Brezeln produzieren. Ich persönlich finde das nicht tragisch. Würde ich ein bedingungsloses Grundeinkommen beziehen, würde ich in der mir dann zur Verfügung stehenden Zeit gelegentlich selbst ein Brot backen, einfach weil es Spaß macht und schmeckt. Und ich würde ab und zu Robo-Brezeln essen, die zwar teurer wären, weil das bedingungslose Grundeinkommen ja finanziert werden muss.

Oder die Altenpflege. Pflegeroboter sind ernsthaft im Gespräch, weil es mehr zu Pflegende als Pfleger geben wird. Da wäre sicher noch reichlich Arbeit für alle die in den herkömmlichen Berufsfeldern nicht mehr tätig sein können, ein bedingungsloses Grundeinkommen haben und dieses mit sinnvoller Arbeit ergänzen möchten. Und all die LKW-Fahrer, die wegen der selbstfahrenden LKWs plötzlich ohne Job sind. Könnten die sich vielleicht in der Jugendhilfe nützlich machen, vernachlässigte Kinder und Jugendliche betreuen und diesen die so dringend benötigte Aufmerksamkeit schenken? Oder Verkäufer, die in 20 Jahren nur noch ganz selten in Läden zu finden sein werden. Sie könnten in Schulen Kindern beim Lernen helfen, integrative Kindergärten personell unterstützen… es gäbe doch wirklich so viel zu tun.

Was ich aber im Moment erlebe ist etwas ganz anderes. Wir versuchen den New Work Begriff im gewohnten Kontext zu nutzen. Es geht in erster Linie um globale Konkurrenzfähigkeit um jeden Preis.

Profitorientierung und Machterhalt

Nehmen wir das Beispiel stark hierarchisch strukturierter Unternehmen. Solange Profitorientierung und Machterhalt die Hauptrollen spielen, solange wird sich dort New Work nicht etablieren lassen. Gäbe es ein bedingungsloses Grundeinkommen und damit einhergehend Wahlfreiheit für Arbeiter und Angestellte, wäre die menschenfreundliche Organisation ein Muss.

Was vor 20 Jahren noch als Zukunftsspinnerei abgetan wurde, ist erstaunlich schnell Wirklichkeit geworden. Ich erinnere mich an einen Artikel -leider finde ich ihn nicht mehr- in dem die Arbeit der Zukunft beschrieben wurde. Ein Drittel, die sogenannte Arbeitsaristokratie habe noch einen festen Job, ein Drittel bewege sich in permanent befristeten Arbeitsverhältnissen und ein Drittel arbeite prekär. Ich würde sagen da sind wir jetzt angekommen. Deshalb ist es für mich auch vorstellbar, dass sich New Work Ideen zwangsläufig durchsetzen werden. Wenn die Mittelschicht ihre Jobs verliert, wird sie sich nicht mit Hartz IV zufriedengeben. Dann wird der Ruf nach dem bedingungslosen Grundeinkommen lauter werden. Das passiert übrigens jetzt auch schon. So wurde beim Weltwirtschaftsgipfel 2016 in Davos das Thema mehrfach angesprochen. Gleichzeitig glaube ich, dass wir alles dransetzen sollten, um diejenigen, die bereits jetzt das bedingte Grundeinkommen haben, zu ermächtigen auf die gleiche gesellschaftliche Ebene, wie Menschen mit Arbeit zu kommen. Das bedeutet, dass wir es nicht länger als Makel sehen sollten, wenn jemand keinen Job hat. Sinnvoller wäre wenn sich diejenigen, die jetzt noch arbeiten, schon mal darauf einstellen, wie sie ihr Zeit sozialverträglich nutzen, wenn der Job weg fällt.

New Work für alle?

New Work Ideen nur für akademische Berufsgruppen zu denken, ist elitär und arrogant. Es wäre deshalb an der Zeit sich mal mit New Work im Kontext prekärer Jobs zu beschäftigen. Wenn Sie Menschen die sich von Befristung zu Befristung schleppen etwas von Humanisierung der Arbeitswelt erzählen, dann ernten Sie zu Recht Verständnislosigkeit.

Ich weiß ehrlich gesagt nicht mehr, wann ich Frithjof Bergmans „Neue Arbeit, Neue Kultur“ gelesen habe. Es ist schon lange her. Damals dachte ich, wäre schon irgendwie cool, wenn wir das umsetzen würden. Jetzt denke ich, dass es vielleicht gar nicht anders geht, wenn wir nicht riskieren wollen, dass es zur gesellschaftlichen Spaltung kommt. Wenn Wirtschaft dem Menschen dienen soll, wenn durch zunehmenden technologischen Fortschritt und den Möglichkeiten von KI, die klassische Lohnarbeit bedroht wird, dann wären New Work Ideen und das bedingungslose Grundeinkommen die richtigen Schritte in Richtung Zukunftsoptimismus! Deshalb erlebe ich die Entwicklungen auf den weltweiten Arbeitsmärkten eher als Chance zur gerechten Ressourcenverteilung und weniger als Gefahr. Nebenbei gesagt würde dies unsere bisherige Form des Wirtschaftens radikal verändern. Vielleicht müssten wir uns zusätzlich mit der Gemeinwohlökonomie befassen.

 

 

Hier schreibt Dipl. Psych. Margit Nowotny, Coach für Fach- und Führungskräfte, über Psychologie für den Job und im Web 2.0, Psychologie-Apps, Ressourcen- und Potenzialentwicklung, Zukunftsarbeit, Führung, Resilienz und "Strategien statt Burnout". Sie finden mich auch auf Google+...

  1. Pinkback: geekchicks.de » geekchicks am 29.04.2017 - wir aggregieren die weibliche seite der blogosphäre

  2. Marietta Hageney

    Liebe Margit,

    das war eine hervorragende Idee, Dich einzumischen. Ich erinnere mich, schon vor Jahren mit Dir über das Thema gesprochen zu haben – wirklich kein neues Thema und dennoch merke auch ich, wie an/in der Idee des “bedingungslosen Grundeinkommens” immer wieder neue Blickwinkel und Facetten entdecke und ich glaube es wäre mal an der Zeit, ein anderes Wort zu finden, etwas, was die Idee treffender umschreibt. Was heißt “bedingungslos”?! Es hat so etwas ausschließliches und Du beschreibst in deinem großartigen Artikel sehr deutlich, dass es auch ein “sowohl als auch” gibt…..!
    Vielen Dank für Deine Gedanken!!! Marietta

    • Liebe Marietta,
      vielen Dank für Deinen Kommentar! Das wäre dann der nächste Schritt: Gemeinsam nach einem neuen Begriff zu suchen 🙂
      Lass uns anfangen!
      Liebe Grüße
      Margit

  3. Ein sehr ernst zu nehmendes Thema. Wir können den technischen Fortschritt nicht aufhalten, mit Industrie 4.0 wird sich das Leben gewaltig verändern.
    Ein bedingungsloses Grundeinkommen würde doch aber die bestrafen, die viele Jahre fleissig waren, die studiert haben, was aufgebaut haben…. ins gemachte Nest kann sich jeder setzen. Es würde die Armen und Beschäftigte mit niedrigem Einkommen entlasten, jedoch auch die Mittelschicht stärker belasten und die Reichsten weniger stark besteuern. Ist das Verteilungsgerechtigkeit?

    • Liebe Larah,
      entschuldige dass ich mich erst jetzt melde. Mein Rechner hat sich einen Virus gefangen…Die Antwort kann sicher nicht in zwei Sätzen erfolgen. Fest steht, dass die Art und Weise unseres Wirtschaftens nur für einen kleinen Teil der Weltbevölkerung wirklich nützlich ist. Wir müssten uns mit dem bedingungslosen Grundeinkommen auch Gedanken machen ob die reine Profitorientierung und Gewinnmaximierung langfristig überhaupt funktioniert. Nach meiner Erfahrung ist weniger mehr. Das heißt auch weniger Geld kann mehr sein. Was die Verteilungsgerechtigkeit angeht: Die ist momentan nicht gegeben. Viele Vermögende beziehen bereits ein leistungsloses Einkommen, sie leben ausschließlich von den Kapitalerträgen eines manchmal völlig leistungslos erworbenen Vermögens…
      Die Mittelschicht würde meiner Meinung nach durch das bedingungslose Grundeinkommen eher entlastet als belastet. Ich denke an Familien mit Kindern und zwei Vollzeit-Berufstätigen. Sie könnten es sich mit dem bedingungslosen Grundeinkommen leisten, Teilzeit zu arbeiten und Zeit mit ihren Kindern verbringen. Ich denke dass ein bedingungsloses Grundeinkommen normalerweise nicht bedeutet, gar nicht zu arbeiten. Nur eben weniger, vielleicht auch sinnvoller.

      • Sicher, Familien und Alleinerziehende würden profitieren, auch liesse sich die Altersarmut dadurch besser bekämpfen, aber wer soll das bedingungslose Grundeinkommen finanzieren? Die Gutverdiener durch höhere Steuern? Oder die Gesellschaft durch Erhöhung der Mehrwertsteuer?
        Sollte es nicht eher ein Geben und nehmen sein?

        • Die bisherigen Sozialleistungen wie z.B. Kindergeld, Bafög, AlG II würden wegfallen und zur Finanzierung des bedingungslosen Grundeinkommens genutzt werden. Diese werden bisher auch von uns allen finanziert. Zusätzlich würden Einkommen und Konsum stärker besteuert, weil ja alle Menschen das BGE bekommen. Es gibt schon ganz vernünftige Berechnungen zum Thema.

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