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Deutschland in den Wechseljahren oder Babyboomer bei der Arbeit

Supervision Aalen

Ja, ich bin auch eine: eine Babyboomerin. Als ich geboren wurde war gerade der Kalte Krieg so richtig aufgeheizt, die Rolling Stones gründeten sich, die Beatles nahmen die erste Platte auf und die Kuba Krise sorgte nicht unbedingt für Entspannung. Ach ja, es war auch Wirtschaftswunderzeit. Sie merken es schon: das ist schon alles ziemlich lang her. In diesem Jahr feiere ich mein eigenes kleines Jubiläum. Ich bin nun seit 20 Jahren Psychologin. Nach dem Studium habe ich mir einen Job gesucht und ich gehöre zu den Glücklichen, die niemals einen befristeten Arbeitsvertrag hatten. Das können sich viele Jüngere schon mal gar nicht vorstellen. Und hätte man mir das zu Beginn meiner „Karriere“ gesagt, hätte ich gelacht und gesagt, schau’n wir mal…

Altersmilde?

Geschaut hab ich nun eine ganze Menge. Ich habe das Wesen großer Organisationen kennengelernt, habe Führungskräfte kommen und gehen sehen, habe mit viel Herzblut an Veränderungsprojekten gearbeitet und spüre langsam so etwas wie „Altersmilde“, wenn es um das Thema Arbeit geht. Man könnte auch sagen, ich bin momentan eher ein Verfechter der Theorie „es wird nicht so heiß gegessen wie gekocht wird“ oder „nicht schon wieder eine neue Sau, die durchs Dorf getrieben wird“. Ein bisschen erstaunt mich das selbst, weil ich mich eigentlich schnell langweile und weil es mir entgegenkommt, wenn ab und zu was Neues angestoßen wird.

Babyboomer und Karriereplateau

Um mich rum sind einige die im gleichen Alter sind. Wir Babyboomer sind halt auch viele. Die ersten Gespräche im Freundeskreis drehen sich um das Thema Rente. Nein, ich muss noch mindestens 12 Jahre arbeiten, es ist zu früh, wir machen es aber trotzdem. Wir beobachten diejenigen die schon raus sind, die den Ruhestand „genießen“, wir beobachten aber auch die die noch drin sind. Und es scheint alterstypisch zu sein, dass die Leidenschaft für den Job etwas weniger geworden ist. Irgendwie fühlen wir uns manchmal ein bisschen geparkt. Auf dem Karriereplateau sozusagen. Keine sinnstiftenden Fortbildungen, keine großartige Beteiligung bei Entscheidungsprozessen, keine interessanten Aufstiegschancen -wir sind schon ziemlich weit oben. Routinen, die manchmal ermüden, Besprechungen, bei denen das Gefühl entsteht, das hatten wir doch schon vor 20 Jahren als Novum, jetzt wieder oder was?

Wir sind viele und wir sind mehr

Neulich habe ich mir eine Statistik angesehen: Wir sind wirklich viele und wir sind mehr. Das hat Auswirkungen. Genaugenommen sind eben auch viele in den Wechseljahren. Und wenn man sich manchmal wundert, dass es den Deutschen ein wenig an südländischer Leidenschaft fehlt, dann liegt das vielleicht auch an der schieren Überzahl der Babyboomer und deren verbreitetem Lebensgefühl. Und ich entdecke in Gesprächen mit Kollegen und Klienten typische 50+ Muster: das eigene Leben bilanzieren, noch mal was ganz anderes machen, weniger arbeiten, mehr leben, gesund in die Rente, wozu so viel arbeiten, eine Arbeit mit Sinn, soll es das schon gewesen sein…

Eigentlich könnten wir die emotionalen Achterbahnfahrten, die die Wechseljahre mit sich bringen als Chance sehen, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden, unsere „Jugenderfahrungen“ mit Protestbewegungen und gesellschaftlicher Veränderung einbringen. Bedingungen bei der Arbeit mitgestalten und eher Aufbruchstimmung erzeugen, als in subdepressiver Stimmung zu verharren.

Zeit zu handeln

Betrachtet man die aktuellen politischen Entwicklungen so ist es an der Zeit aktiv zu werden. Nicht länger auf Facebook rumhängen und mit minimalem körperlichem und geistigem Engagement politische Statements abgeben, sondern aufstehen und aktiv werden. Bei der Arbeit und auch außerhalb. Es gibt echt was zu tun. Es geht nicht nur um die Rettung der Demokratie, es geht auch um die Demokratie im digitalen Zeitalter. Es geht um die Gestaltung von Wirtschaft, die den Menschen dient und nicht umgekehrt. Es geht um die Gestaltung von Arbeitsbedingungen, die auch prekär Beschäftigten Perspektiven auf faire Löhne und faire Arbeitsbedingungen verschaffen. Es geht um die Gestaltung von Bildung, die Jugendlichen einen Weg weist, ihren Platz in dieser Welt zu finden. Es geht um die Gestaltung von Lebensbedingungen, die Lust auf Zukunft machen.

Dabei müssen wir uns ab und zu selbst zwingen, nicht nur abgeklärt die Ideen der Jüngeren zu kommentieren, sondern echte Dialoge zu führen. Es lohnt sich sozusagen wieder neugierig zu werden, Ideen zu entwickeln für Probleme, für die wir bisher keine Lösungen haben. Würden wir uns das als Babyboomer zu Herzen nehmen, könnten wir allein schon durch unsere Menge wirksam sein.

Zur Inspiration empfehle ich: Die Zukunft der Rebellion. Eine Anleitung. Von Micah White

Die Zukunft der Rebellion, Micah White

 

Wechseljahre und gesellschaftliche Transformation

Ach ja: Den Wechseljahren begegnet man am besten wen man sie als echte Wandeljahre begreift. Damit sind wir als Babyboomer geradezu prädestiniert nicht nur die digitale Transformation zu bewältigen, sondern auch eine gesellschaftliche Transformation, hin zu mehr Miteinander und Menschlichkeit, anzustoßen!

Und wenn Sie selbst Babyboomer sind, dann teilen Sie doch diesen Artikel. Wenn Sie kein Babyboomer sind und den Artikel trotzdem bis hierher gelesen haben, dann freue ich mich ganz besonders wenn Sie ihn teilen. 😊

 

Foto: fotolia© Chonnajak.Bk

8 Kommentare Neues Kommentar hinzufügen

  1. “ Wir könnten … eher Aufbruchstimmung erzeugen, als in subdepressiver Stimmung zu verharren“. Sie sprechen mir aus dem Herzen! Das hat jede/ jeder aus der Generation Babyboomer weitgehend selbst in der Hand. Keine sinnstiftenden Fortbildungen? Warum eigentlich? Genau mit einer sehr persönlichen Frage fängt es an: Was gibt meiner Arbeit, meinem Leben Sinn? Falls uns die Antwort nicht (mehr) gefällt, ist Zeit für selbstbestimmte Veränderung. Und vielleicht auch Zeit für selbstbestimmte Weiterbildung. Wenn die Chefin diesen Wunsch versteht, ist das schön. Wenn nicht, gibt es heute viele andere Möglichkeiten wie MOOCs und andere Online-Kurse. Auch solche, die das Budget schonen.
    Und ja – bringen wir doch unsere Erfahrung als Babyboomer und die Neugier auf Neues da ein, wo sie ganz besonders gebraucht wird: In die gesellschaftliche Transformation zu mehr Menschlichkeit.
    Ihr Blogartikel hat mir gut gefallen und ich teile ihn gern auf Xing.
    Herzlichst
    Christine Radomsky

  2. Ich habe zwar noch ein paar Jährchen Zeit für die Wechseljahre (glaube meine Geration wird „Generation X“ genannt) und kann nicht wirklich – noch nicht – mitreden, aber ich denke, dass sich einige Frauen in dieser Zeit befreit fühlen und das Leben lässiger angehen als vorher. Ich hoffe, das man offener für etwas völlig Neues im Beruf, in der Freizeit oder auch in der Partnerschaft wird. Eine gesellschaftliche Transformation zu mehr Menschlichkeit wäre schön.

  3. Hallo zusammen,
    ich bin mitten in den Wechseljahren und habe beruflich und privat turbulente Jahre hinter mir. Ich bin grundsätzlich ein umtriebiger und neugieriger Mensch, was sich bis heute nicht verändert hat. Was sich jedoch verändert hat, ist meine Sicht auf die Dinge. Die Wertigkeit gerade was den Beruf betrifft hat sich dahingehend verändert, dass ich vieles lässiger sehe und nicht mehr das Gefühl habe mir oder anderen etwas beweisen zu müssen. Ich bin immer noch gerne dabei positive Veränderungen voranzutreiben, aber nicht um jeden Preis. Ich beobachte wie sich meine Kolleginnen und Vorgesetzte, die in den 20ern, den 30ern und 40ern sind, auf die Ihre Altersgruppe typische Weise im Job engagieren und aufreiben. Es ist schon amüsant zu beobachten, ohne Schubladen zu bedienen, dass die Verhaltensweisen scheinbar in den jeweiligen Jahrzenten immer gleich sind. Vom jugendlich unbedarften Twen, der noch meint, die Welt verändern zu können, über die 30er, die enthusiastisch alles mitgehen, was unternehmerisch gewollt ist. Dann der Einbruch in die Kinderauszeit. Man spürt, dass manche während dieser Zeit wieder zum Sinn des Lebens zurückkommen und entweder ganz beruflich aussteigen oder bei Wiedereintritt auf eine bessere Work-life-ballance achten. Die die das nicht schaffen, egal ob mit oder ohne Kinder, sind mit Ende 40 ausgelaugt und resigniert. Resigniert, weil man erkennt, dass man rückwirkend betrachtet jederzeit austauschbar war und ist und dass man beruflich niemals so ‚wichtig‘ (mir fehlt das richtige Wort dafür) sein kann wie man es im Privaten ist. Ich habe den Fehler gemacht mich über meinen Beruf zu definieren. Zur Freude meiner Chefs. Chefs kommen und gehen. Was gestern wichtig war ist morgen egal. Heute Top, morgen Flop. Zentralisierung. Dezentralisierung. Jeder Neue muss sich erstmal profilieren. Indem er das Rad wieder neu erfindet…auch wenn es vorher bereits als überflüssig erkannt wurde.
    Man wird müde. Müde von dem ewigen Hin und Her. Wenn nur halb so viele arbeitende Menschen weniger narzisstisch an ihrem beruflichen Persönlichkeitsprofil basteln würden und sich selbstloser am Vorankommen der gemeinsamen Arbeitsziele orientieren würden, hätten wir meines Erachtens mehr geschaffen. Der Egoismus erschwert die sachliche Lösung von Arbeitsaufgaben. Und dieser Egoismus nimmt aus meiner Sicht zu.
    Ich bin daher froh, dass ich nur noch 9 Jahre in diesem ‚Hamsterrad‘ mitlaufen muss. Etwas anderes ist es nicht mehr für mich, da ich an Verhaltensweisen meiner Mitmenschen nie etwas ändern könnte. Ich hab’s versucht…aber jeder muss seine eigenen Erfahrungen und Erkenntnisse im Leben machen.
    Ich beobachte und registriere, dass wir Babyboomer uns nun Mitte 50 wiedertreffen …in unseren Erkenntnissen und Lebenserfahrungen. Das freut mich. Auch wenn jeder andere Wege gegangen ist, kommt man zum gleichen Ergebnis. Wir kichern und lästern wie früher über die die alles falsch machen (aus unserer Sicht)…sollen sie doch…wir lassen die Zeit ablaufen und sehen uns das Schauspiel des Berufs- und Arbeitslebens an. Die Work-life-ballance verschiebt sich wieder…zum meeeehr LIFE.
    Vielen Dank fürs geduldige Lesen.
    Ich mache heute früh Feierabend. Die Sonne scheint so schön da draußen.

    1. Also das mit dem zunehmenden Egoismus ist mir auch schon aufgefallen. Es gibt kaum noch ein WIR, immer nur, ich, ich, ich. Jeder strebt nach einem Informationsvorsprung, verheimlicht Dinge, die für Kollegen auch relevant wären und wenn ich meine Infos teile, schmücken sich die Team-Mitglieder mit meinen Federn…. ich weiss nicht, was da gerade in unserer Gesellschaft abgeht, habe das auch in privaten Bereich immer mehr erfahren.

      1. Eigentlich kommen wir Menschen als empathische Wesen zur Welt. Irgendwo auf dem Weg zum Erwachsenen scheint dies bei manchen in Vergessenheit zu geraten. Um so wichtiger wird es deshalb fur eine Gesellschaft nicht müde zu werden, die fürsorglichen Anteile bei sich selbst und bei anderen zu stärken und anzuerkennen.

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