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Psychologie im Neoliberalismus

Psychologie im Neoliberalismus

Geht es Ihnen manchmal auch so, dass Sie beginnen Antworten auf Probleme zu suchen und dabei feststellen, dass Sie diese noch nicht richtig in Worte fassen können? Es ist wie ein vorsichtiges Herantasten, eine Ahnung und ein noch wenig konkretisierbares Unterfangen. Begonnen hat alles damit, dass es mir zunehmend unangenehmer wurde, meinen Beruf als Reparaturbetrieb für menschliche Seelen zu verstehen. Was mir fehlte und noch immer fehlt ist der kritische Diskurs darüber, weshalb Menschen in den aktuellen Arbeitsverhältnissen nicht so gut funktionieren, wie sich das die Unternehmen wünschen. Es fällt mir dabei zunehmend auf, dass meine Klienten ihre oft arbeitsbedingten Probleme als individuelles Versagen und weniger als gesunde Reaktion auf eine kranke Umgebung interpretieren. Sie sind mit ihren Problemen meist einsam, wagen nicht diese mit anderen zu thematisieren und erhoffen sich von psychologischer Beratung oder vom Coaching Lösungen. Die Lösungen sollen sie in erster Linie in die Lage versetzen, in zum Teil extrem schwierigen Arbeitsumgebungen, weniger depressiv, weniger psychosomatisch reagierend, weniger frustriert zu sein. Nun habe ich mit Schrecken festgestellt, das meine Disziplin „die Psychologie“ zunehmend genau diese individualistische Problemverortung mitträgt. Ohne ein kritisches Infragestellen des Kontextes, in dem Störungen bei den Menschen auftreten.

 

Ein weiteres Schlüsselerlebnis hatte ich bei einem Frühstück mit Freunden, bei dem die Tochter einer Freundin sehr klar formulierte, dass Menschen sich schon selbst um die Lösung ihrer Probleme bemühen müssten. Die Formulierung war so scharf, dass ich dachte, aha, das sind nun wohl die Kinder des Neoliberalismus. Sie haben ja schon von Kindesbeinen an gelernt, dass ihnen nichts geschenkt wird, dass sie mit wenig Solidarität von Gleichaltrigen rechnen können, dass sie schon früh erfahren haben, dass es nicht nur Erfolgswege gibt sondern auch Scheitern, dass die Gescheiterten dann aber auch wirklich an ihrem Elend selbst schuld sind, die hätten ja was dagegen tun können…Beide Phänomene, also die Psychologie als Reparaturbetrieb und die Begegnung mit dieser jungen Frau, haben mich forschen lassen. Was ist in den letzten 30 Jahren mit uns passiert?

Die Macht der Psychotherapie im Neoliberalismus

Bei meinen Recherchen bin ich auf Angelika Grubners Streitschrift „Die Macht der Psychotherapie im Neoliberalismus“ gestoßen. Das war dann auch für mich harte Kost, weil sie meine Überzeugungen und meine berufliche Identität mit ihrem Buch auf eine harte Probe gestellt hat. Psychologen verdienen, ähnlich wie Ärzte, an der Krankheit bzw. dem Leid ihrer Klienten. Je länger eine Beratung geht, desto höher die Einnahmen. Das habe ich schon im Studium begriffen. Mancher Kollege hat das auch unumwunden thematisiert. Psychoanalyse geht ja nun doch länger, da kommen die Leute eben auch lange zu Dir…Und: Psychologen verdienen nicht schlecht an den Folgen des Neoliberalismus, was letztlich sicher auch dazu führt, dass sie als Teil des Systems ziemlich betriebsblind sind.

 

Ich habe mich gegen eine Tätigkeit als Therapeutin entschlossen, in erster Linie aus monetären Gründen. Nach dem Studium hätte ich gar nicht die finanziellen Mittel gehabt, um eine Therapieausbildung zu machen. Diese findet nach wie vor an privaten Instituten statt, die sehr gut mit der Ausbildung der Kandidaten verdienen. Dies führt meiner Meinung nach zu einer sehr selektiven Auswahl zukünftiger Psychotherapeuten. Entweder die Eltern finanzieren mit oder die angehenden Therapeuten nehmen einen Kredit auf, oder sie arbeiten in Kliniken unter finanziell extrem schlechten Bedingungen, um einen Teil der Ausbildungsgebühren zu erwirtschaften. In einem Spiegel Artikel wird deshalb auch der Verdacht geäußert, dass sich zukünftig nur Kinder aus finanzkräftigen Elternhäusern die Therapieausbildung leisten könnten. Das mag so sein. Das eigentlich Schlimme an dieser Entwicklung ist aber das daraus resultierende Selbstverständnis der Therapeuten. Das hat schon etwas mit survival of the fittest zu tun. Wer es durch die Therapieausbildung geschafft hat, hat oft nicht mehr das Gespür für prekäre Arbeits- und Lebensbedingungen.

Burnout ist nicht kontextunabhängig

Aber das ist nicht der Gegenstand dieses Artikels. Es geht vielmehr darum, wie sehr psychologische Arbeit zwischenzeitlich mit dem Kontext in dem sie stattfindet, zu verschmelzen droht. Hier nehme ich eine bedenkliche Entwicklung wahr. Nehmen wir als Beispiel das Burnout – Syndrom. Meine früheren Forschungen führten zu dem Schluss, dass dieses Syndrom nicht kontextunabhängig entsteht. Es ist die Folge individueller, organisationaler und kollektiver Phänomene und zwar nicht im Sinne von entweder oder, sondern sowohl als auch. Zwischenzeitlich geht der Trend, als Folge neoliberaler Durchdringung aller Lebensbereiche in Richtung individuelles Versagen und damit einhergehend individueller Reparatur in Form einer medizinischen Reha. Die Verwertbarmachung des Individuums als Wirtschaftsfaktor steht im Vordergrund.

Selbst schuld…

Dies führt bei den Betroffenen zu der Annahme, dass sie selbst an ihrem Elend schuld sind, dass sie einfach nicht genug belastbar, nicht stressresistent oder insgesamt nicht resilient seien. In der Beratung oder Therapie fangen wir Psychologen dann an, Strategien zu vermitteln. Ist der Klient stabil wird er in genau die Arbeitswelt entlassen, die dazu beitrug ihn krank werden zu lassen. Ein blödes Spiel.

 

An dieser Stelle würde ich gerne ein Zitat aus dem genannten Buch von Angelika Grubner nennen:

„Therapie als „Kulturkritik“ ist nicht nur eine Reparatur-Werkstatt für akute Störungen und Fehler, nicht ein punktuelles Krisenprogramm; denn das ganze Leben ist akut gestört. (…) Therapien wollen so auch nicht nur Fürsorgestationen seelischen Elends sein, sondern Aufklärungsräume, Gegenentwürfe, Kritikentwürfe.“ Christine Thürmer-Rohr, 1986

 

Dasselbe gilt auch für Coaching und Beratung! Grubner macht deutlich, dass Psychotherapie nicht außerhalb neoliberaler (De-) Regulierungen zu verorten ist. Sie konstatiert, dass das Zusammendenken von Psychotherapie mit neoliberalen Ideologien und ihren politischen Verhältnissen eine unterbelichtete Thematik sei. Diese Auffassung teile ich ausdrücklich. Ich vermisse die kritische Haltung von Psychologen, wenn es um gutachterliche, beratende oder therapeutische Tätigkeiten geht.

 

Da mich zunehmend ein Unbehagen beschleicht wenn ich mir die Geschichten von Menschen anhöre, versuche ich verständlicherweise Erklärungen zu finden. Ich mag meine Klienten, das steht außer Frage. Ich sehe mich nur nicht in der Rolle, sie für Lebens- und Arbeitsbedingungen fit zu machen, die schlicht und ergreifend überfordernd sind. Da dies immer weniger thematisiert wird, der Trend eher in Richtung des passend Machens von Menschen zu gehen droht, halte ich es für an der Zeit sowohl in Fortbildungsgruppen als auch in Supervisions- und Fallbesprechungsrunden, diesem Thema mehr Aufmerksamkeit zu schenken.

Autorität und Verantwortung

Sucht man nach weiteren Erklärungen und Lösungsansätzen, so wird man bei Paul Verhaeghes neuem Buch fündig: Autorität und Verantwortung. Verhaeghe ist Psychologe und Psychoanalytiker. Er hat bereits in seinem letzten Buch „Und Ich – Identität in einer durchökonomisierten Gesellschaft“ eine hervorragende Analyse der Wirkung neoliberaler Gedanken auf das Individuum geschrieben. Verhaeghe gelingt es in Autorität und Verantwortung die Frage zu beantworten, wie sich westliche Normen und Werte derart wandeln konnten. Wie Solidarität zum Unwort wurde, Geiz zur Tugend und Genuss zur Pflicht. Er beschreibt welche Autorität dies bewirkt hat. Er bleibt aber nicht nur beim Beschreiben, sondern entwickelt Lösungen.

 

Beide Bücher haben mich in den letzten Wochen sehr beschäftigt. Vielleicht liegt es daran, dass ich in einer Zeit aufgewachsen bin, in der es Intellektuelle gab, die sich auch politisch einmischten. Manchmal denke ich, es ist sehr leise geworden in diesem Land. Vielleicht manchmal zu hoffnungslos, zu wenig visionär. Bei Rutger Bregman habe ich den Satz gelesen: „Wer keine Visionen hat, sollte zum Arzt gehen“. Seine „Utopien für Realisten“ zusammen mit Philipp Bloms „Was auf dem Spiel steht“ und natürlich Paul Verhaeghes „Autorität und Verantwortung“ liefern großartige Analysen unserer aktuellen Lebenssituation. Und was noch besser ist: Alle liefern auch Ansatzpunkte, wie sich dieses Land und unsere Welt vielleicht doch noch zu einem Platz entwickeln kann, an dem wir versuchen die Schwachen hochzuziehen, anstatt dafür zu sorgen, dass sie unten bleiben.

 

Es geht um neue Formen der Solidarität, bei der Arbeit um eine neue Form der Kollegialität und der Verantwortung, auch von Arbeitgebern. Ein schönes Beispiel im Zusammenhang mit dem Burnout-Syndrom: In den Niederlanden müssen sowohl Arbeitgeber als auch Arbeitnehmer an der Gesundheit arbeiten. Dann bezahlt der Staat die Kosten für die Behandlung. Hat der Arbeitgeber nicht genug für die Gesunderhaltung des Mitarbeiters getan, bezahlt er die Kosten, tut der Arbeitnehmer nichts um gesund zu werden, bekommt er kein Krankengeld. Das wirkt ausgeglichener als unser Umgang mit dem Thema.

Die Entmarktung der Gesellschaft

Verhaeghe spricht sich für eine Entmarktung unserer Gesellschaft und für die Rückeroberung der Politik durch die Bürger aus. Wie genau das geschehen könnte, denkt er in Autorität und Verantwortung an.

 

Was würde die Entmarktung für die Psychologie bedeuten? Die Ausbildung zum Psychotherapeuten würde an der Uni stattfinden. Keine zusätzlichen Kosten, keine schlecht bezahlten Pflichtpraktika. In Beratungen und in der Therapie würde der Fokus nicht auf der Widerherstellung der Arbeitsfähigkeit liegen, sondern auf der Steigerung der Lebensqualität in allen Bereichen. Schule, Familie, Arbeit, Freizeit. Einer Lebensqualität die das Kollektiv wiederentdeckt, anstatt in einsamen Selbstoptimierungsbemühungen an der eigenen Gesundheit zu feilen. Dies würde relativ schnell dazu führen, dass sich auch Konsumgewohnheiten verändern. Glückliche Menschen brauchen weniger, sie müssen nicht durch Konsum ihren Status sichern.

 

Mit diesem Artikel ist die Durchdringung der Psychologie mit neoliberalen Gedanken keineswegs abschließend behandelt. Dafür brauche ich länger. Es handelt sich eher, wie eingangs beschrieben, um eine vorsichtige Annäherung. Vielleicht haben Sie Lust die angesprochenen Bücher zu lesen und in eine konstruktive Diskussion einzusteigen. Das würde mich wirklich freuen.

Und hier geht es zu den Literaturempfehlungen, die Sie als konsequenter Amazon-Verweigerer bei meiner Lieblings-Buchhandlung bestellen können:Die Macht der Psychotherapie im Neoliberalismus

Utopien für Realisten

Was auf dem Spiel stehtAutorität und Verantwortung

 

 

 

 

  1. Hallo, ich kann diesen Gedanken größtenteils zustimmen.
    Psychologen als Mechaniker des Geistes… oh mann.

    Ja, die Klienten kommen zu mir auch mit dem Auftrag “Ich bin falsch, komme nicht klar – mach mich wieder richtig, so dass ich funktioniere, dazugehöre, klarkomme in diesem Leben”.
    Das widerstrebt mir sehr, denn “angepasst sein an eine kranke Gesellschaft/System kann nicht gesund sein”.
    Lieber bringe ich die Klienten wieder zurück zu sich selbst, in ihre eigene Kraft und Selbst-Wirksamkeit und den Glauben daran.

    Am schönsten ist es, wenn der Klient bald selbst erkennt, was falsch läuft, dass es nicht (nur) an ihm liegt, er Lösungen findet oder annimmt und dann aus sich selbst heraus Änderungen vornimmt. Er hat dann wieder Macht über sein eigenes Leben. Nichts gibt einem Menschen mehr Zufriedenheit und Ruhe als das.

    Und nein, mir liegt nicht daran, dass der Klient dafür lange Zeit benötigt, nur weil ich daran Geld verdiene. Dafür bin ich zu sehr Humanist.
    Jemand, der Beratung oder Coaching nur (!) des Geldes wegen anbietet, ist m.M.n. falsch in diesem Beruf.
    Nach mehrjähriger praktischer Arbeit bin ich ausserdem froh, Psychologie nicht traditionell und mit Hilfe veralteten Wissens studiert, sondern die Grundlagen über Jahre an Heilpraktikerschulen und im Selbststudium gelernt zu haben. Wenn das dort Erlernte auch nicht in medizinische Tiefen geht, die ich als Psychologischer Berater sowieso nicht oft brauche, so habe ich doch sehr viel und vor allem ein weiter gefächertes Wissen erfahren.
    Dafür bin ich heute noch dankbar.

    Ein Mensch ist so viel mehr als nur die Summe seiner Teile…

  2. Es ist immer gut kritische Worte zu lesen. Sie sind der Anstoß darüber nachzudenken und selber Visionen zu entwickeln. Viele Menschen sind einfach sehr satt. Die nicht satt sind nehmen manchmal den Mangel hin und trauen sich nicht etwas zu sagen. Ich mag die zarte Annäherung 🙂 und verfolge gerne die Fortführung.

    Birgit

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