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Trauma und Arbeit

Seit meinem letzten Artikel ist fast ein halbes Jahr vergangen. Ich war nicht untätig, nur bisher nicht in der Lage all die Erkenntnisse der vergangenen Monate in einen Artikel zu packen. Das wird auch nicht ganz einfach werden. Ich habe mich mit Trauma und den Folgen, unter anderem auf die Arbeit, beschäftigt.

Wie komme ich zu diesem Thema?

In meinem beruflichen und privaten Alltag bin ich immer wieder mit Menschen und Situationen konfrontiert, die mich zum Nachdenken bringen. So erlebe ich Klienten, die im Arbeitskontext nicht funktionieren, ich erlebe aber auch die, die perfekt zu funktionieren scheinen. Interaktional erlebe ich manchmal Situationen, in denen ich mich frage, wie mein Gegenüber zu den emotionalen Reaktionen kommt, die ich nie beabsichtigt habe anzustoßen. Manchmal habe ich das Gefühl, dass die Art und Weise wie Menschen interagieren nur wenig mit mir aber sehr viel mit ihrer Geschichte zu tun hat.

Bevor ich mich für den Bereich Arbeits- und Organisationspsychologie spezialisiert habe, habe ich klinische Psychologie studiert. Persönlichkeitsstörungen fand ich immer irgendwie interessant, nicht unbedingt, wenn ich auf einen Menschen mit einer solchen Störung im Arbeitskontext getroffen bin. Da hatte ich dann meist das Gefühl, relativ hilflos einem Programm zuzuschauen, dass beim Gegenüber abläuft, sich jedoch kaum beeinflussen lässt. In meiner Praxis bin ich immer wieder mit Klienten konfrontiert, die im Kontext narzisstischer Führungskräfte an ihre Grenzen kommen. Auch ich selbst habe in den vergangenen 20 Jahren Erfahrung mit sehr unterschiedlichen Persönlichkeitsstilen bei Führungskräften gemacht und war fast gezwungen mich intensiver mit dieser Thematik zu befassen.

 

Und warum jetzt Trauma?

 

Persönlichkeitsstörungen stehen im Verdacht das Produkt traumatischer Erfahrungen zu sein. Und deshalb hatte ich das Bedürfnis intensiver in die Thematik einzusteigen. Ich war überrascht, wie wenig ich davon weiß und wieviel an psychologischer Literatur zwischenzeitlich zu diesem Thema vorhanden ist. Was ich als Praktiker geahnt habe, dass sich langanhaltende kleinere Traumen summieren, wird zwischenzeitlich von der Forschung bestätigt. Oft wenn ich mit Jugendlichen, die aus extrem schwierigen psychosozialen Rahmenbedingungen kommen, spreche, zeigen diese auch im Arbeitskontext Verhaltensweisen, die an eine Stressverarbeitungsstörung erinnern. Oder Klienten deren Eltern von Flucht und Vertreibung betroffen waren, die erst spät zum ersten Mal etwas von transgenerationaler Traumaweitergabe hören und überrascht sind, wie sehr sie sich in den Geschichten, der erstmals von Sabine Bode beschriebenen Kriegsenkel, wiederfinden.

 

Bei meinen Recherchen stieß ich auf die Arbeiten von Bessel van der Kolk. Er zählt zu den renommierten Traumaforschern, sein gesamtes Berufsleben hat er diesem Thema gewidmet. Ich war fast erleichtert, dass auch er erst nach vielen Berufsjahren in der Lage war, die Zusammenhänge zwischen frühen Misshandlungserfahrungen oder Erlebnissen von emotionaler Vernachlässigung in der Kindheit und der Entstehung von Traumafolgestörungen, zu beschreiben. Üblicherweise assoziieren Menschen mit dem Wort Trauma ein Schocktrauma. Bessel van der Kolk kämpft seit vielen Jahren darum, dass es neben Schocktraumata auch komplexe Traumata als Folge dysfunktionaler Bindungserfahrungen, Misshandlungserfahrungen oder Erfahrungen von emotionaler Vernachlässigung gibt. Traumata führen zu physiologischen Veränderungen im Gehirn. Diese äußern sich in der vermehrten Ausschüttung von Stresshormonen. Dadurch sind Traumatisierte im Alltagsleben stark eingeschränkt, ihre Wahrnehmung verändert sich. Dies führt in der Folge dazu, dass sie ihr Trauma in alles „hineinsehen“ was in ihrer Umgebung passiert. Die Traumata können nicht als vergangene Erlebnisse abgespeichert werden, sie mischen sich immer wieder ins Hier und Jetzt ein. Dies bedeutet das bei einer posttraumatischen Belastungsstörung die dissoziierten Anteile zuerst assoziiert werden müssen. Die abgespaltenen Elemente des Traumas werden im Rahmen einer Traumatherapie integriert, d.h. die Betroffenen lernen, dass bestimmte Erlebnisse damals waren und jetzt jetzt ist. Menschen mit Traumaerfahrungen haben Schwierigkeiten ihre belastenden Erfahrungen als Geschichte mit Anfang und Ende darzustellen. Sie haben auch Schwierigkeiten Gefühle zu versprachlichen. In der Folge fällt es Ihnen auch schwer körperliche Empfindungen angemessen zu bewerten. Traumatisierte haben oft ein gestörtes Körpergefühl: Sie können nicht immer angemessen für sich sorgen. Betroffen ist die Einschätzung von Hunger, von Schlafbedürfnissen, von stressbedingten Erregungszuständen. Häufig treten Verdauungsbeschwerden auf. Da Traumafolgestörungen nicht immer sprachlich bearbeitet werden können, nach dem Motto reden hilft, plädiert Bessel van der Kolk für körpertherapeutische Verfahren. Hierdurch lernen traumatisierte Menschen die eigenen Empfindungen zu registrieren und zu beschreiben, um dann herauszufinden welche Aktivitäten z.B. mit Freude und Entspannung einhergehen.

 

Bessel van der Kolk beschreibt das Phänomen der Depersonalisation im Alltag. Menschen mit Traumaerfahrungen zeigen oft völlig ausdruckslose Blicke und sind vollständig geistesabwesend. Dies sind äußere Manifestationen innerer Erstarrungsreaktionen. Depersonalisation ist ein Symptom der massiven Dissoziation, zu der es durch ein Trauma kommt. Das Zusammensein mit traumatisierten Menschen hinterlässt oft das Gefühl, dass die gesamte Energie aus dem Raum gezogen wird. Da bei stark dissoziierten Klienten fast das gesamte Gehirn zeitweise „abgeschaltet“ ist, können sie nicht denken, spüren keine tiefen Gefühle, erinnern sich nicht und können dem was geschieht, keinen tieferen Sinn abgewinnen. Reden hilft dann nicht. Lernt ein Kind z.B. mit der Härte eines Elternteils oder emotionaler Vernachlässigung umzugehen, so ist das „abschalten“ des Geistes eine Überlebensstrategie.

 

Die Strategie bei der Zusammenarbeit mit traumatisierten Menschen ist deshalb „Bottom Up“: beim Körper beginnen. Die Physiologie und die Beziehung des Klienten zu seinen Körperempfindungen werden mit körpertherapeutischen Verfahren verbessert.

 

Wie wirken sich Traumata bei der Arbeit aus

 

Das ist nun tatsächlich sehr unterschiedlich. Die einen funktionieren und fallen dann nach der Arbeit in einen Zustand der massiven Erschöpfung. Die anderen bringen ihre traumabedingte Persönlichkeitsstörung mit zur Arbeit, was sich dann interaktional auswirkt. Wieder andere haben erhebliche Probleme Stress zu bewältigen. Ich bin mittlerweile und mit all den gewonnenen Erkenntnissen der festen Überzeugung, dass viele nicht wissen, dass sich im Hintergrund Traumata verbergen. Traumafolgestörungen lassen sich im Rahmen eines Coachings nicht ausreichend bearbeiten. Klienten, die darunter leiden, brauchen eher therapeutische, genaugenommen körpertherapeutische Unterstützung.

Einen niedrigschwelligen, aber sehr wirksamen Zugang zu körpertherapeutischen Methoden bietet das neurogene Zittern nach David Berceli. Hierzu gibt es druckfrisch ein Buch von Hildegard Nibel und Kathrin Fischer. (s. Literaturhinweis am Ende des Artikels)

In einem weiteren Buch von Stephanie Hartung wird der Zusammenhang zwischen Trauma und Arbeitswelt herausgearbeitet. Da es dazu bislang im deutschsprachigen Raum wenig Forschung gibt, bietet dieses Buch in Einzelartikeln verschiedener Autoren, eine erste Übersicht über mögliche Auswirkungen traumatischer individueller, aber auch kollektiver Erfahrungen auf die Gestaltung von Organisationen.

In diesem Artikel konnte ich mich dem Thema Trauma und Arbeit erst ansatzweise widmen. Da die gesamte Traumathematik wirklich komplex ist, brauche ich einfach noch Zeit und weitere Forschungsergebnisse mit denen ich mich befassen kann, um dezidiert die Auswirkungen beschreiben zu können. Ich bitte deshalb um Nachsicht, wenn der Titel noch nicht ganz hält, was er verspricht.

 

Transgenerationale Trauma-Weitergabe

Für die Babyboomer Generation empfehle ich die Lektüre von Ingrid Meyer-Legrand, „Die Kraft der Kriegsenkel“. Der Autorin gelingt es auf beeindruckende Weise die Ressourcen von Traumabetroffenen zu beschreiben.

 

Nachdem ich mich mit dem Thema transgenerationale Trauma – Weitergabe vor einigen Jahren auseinandergesetzt hatte, war ich entsetzt, dass ich davon während meines Studiums nichts gehört hatte. Zwischenzeitlich ist mir jedoch klar, dass die Trauma-Folgen des ersten und zweiten Weltkrieges kollektiv verdrängt wurden. Natürlich auch von Psychologen.

 

Die Beschäftigung mit dem Trauma-Thema hat mich in ihren Bann gezogen. Jetzt denke ich darüber nach, welche größere Fortbildung ich mir demnächst gönne. Vielleicht stecke ich Sie mit meiner Faszination für das Thema ein wenig an und Sie haben Lust sich auf eine individuelle Forschungsreise zu begeben. Einen guten Einstieg bieten die in der Literaturübersicht genannten Bücher.

 

Wer mehr wissen möchte, sollte sich mit den Arbeiten von Michaela Huber beschäftigen. Es gibt im deutschsprachigen Raum niemand Vergleichbares der sich so intensiv mit Trauma in seinen vielfältigen Auswirkungen beschäftigt hat. Frei zugänglich im Netz sind zahlreiche PPP-Folien zu nahezu allen traumabedingten Störungen und Themen.

Foto: Adobe Stock

Literatur:

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